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Mr. Sturmgewehr

 

Der Schaffhauser Eduard Brodbeck ist der Erfinder des Schweizer Sturmgewehrs. Glücklich geworden wäre er aber auch mit Nähmaschinen. 

Michail Kalaschnikow drückte ab, staunte und blickte hinüber zu dem Mann, der neben ihm im Schiessstand lag. «Mein Gewehr schiesst ja auch immer, egal, wie widrig die Umstände sind. Aber so präzise wie Ihres schiesst es nicht.» Der Mann, der an diesem Nachmittag 1996 neben dem legendären russischen Waffenbauer lag, lächelte und freute sich über das gute Zeugnis, das der Russe «seiner» Waffe gerade ausgestellt hatte. Wie Kalaschnikow war auch er Waffenkonstrukteur. Nur trug «seine» Waffe – anders als Kalaschnikows Maschinengewehr – nicht seinen Namen. Wäre es in der Schweiz wie in Russland, dann sagte man dem Sturmgewehr 90 der Schweizer Armee «Brodbeck». Und das fände Eduard Brodbeck schrecklich.

Doch der Reihe nach: Dass Eduard Brodbeck überhaupt zu einem der wichtigsten Akteure der Schweizer Waffengeschichte wurde, hat mit einem Entscheid zu tun, den die hohen Herren der Landesverteidigungskommission vor fast genau 60 Jahren auf dem verschneiten Berner Schiessplatz «Sand» gefällt hatten. Überzeugt von der nachmittäglichen Schiessvorführung, entschieden die Herren, dass das «Sturmgewehr 57» der Schweizer Industrie Gesellschaft (SIG) den altgedienten «Karabiner 31» ablösen und zur neuen Dienstwaffe der Schweizer Armee werden sollte. Um den Monsterauftrag bewältigen zu können – die SIG hat über 800000 Sturmgewehre 57 produziert –, holte man Eduard Brodbeck als Gruppenchef des Produktionsteams an Bord.

650 Waffen im Keller

Brodbeck, der studierte Maschinenbau-Ingenieur, kannte die SIG schon von seiner Lehrzeit her. «Eigentlich wollte ich damals bei der Georg Fischer AG Maschinenzeichner lernen. Doch die konnten mich nicht brauchen. Also fuhr mich mein Vater mit dem Trämli direkt von Georg Fischer hinunter nach Neuhausen zur SIG», erzählt Brodbeck, heute 85, und öffnet die Panzertür in den Katakomben des alten Bürogebäudes auf dem einstigen SIG-Areal. «Die nahmen mich», sagt Brodbeck und tritt ein in die SIG-Waffensammlung, die er mit der Stiftung «Historische Waffensammlung der SIG» betreut. Rund 650 Schusswaffen, Prototypen, historische Auftragsbücher, Fotos und Blaupausen liegen und stehen hier in den Regalen.

Brodbeck führt regelmässig Gäste durch die Sammlung und kämpft dagegen an, dass die Blütezeit der Schweizer Waffenproduktion in Vergessenheit gerät. Die SIG produziert heute Verpackungsmaterialien. Und auch die inländische Karabiner-Konkurrenz mischt längst nicht mehr mit in der Waffenindustrie.

Zu Brodbecks Zeiten aber war die SIG die zentrale Waffenschmiede der Schweiz. Und als Gruppenchef der Waffenkonstrukteure prägte Brodbeck die Entwicklung der Schaffhauser Pistolen und Sturmgewehre massgeblich. Nach dem Erfolg mit dem Sturmgewehr 57 bestellte die Armee in den 80er-Jahren ein neues Gewehr: das Sturmgewehr 90. Brodbeck führt in den grossen Raum der historischen Waffensammlung und nimmt Prototypen des Gewehrs aus den Regalen.

Einst lag Eduard Brodbeck neben Herr Kalaschnikow im Schützengraben und erhielt Komplimente.

Doch was waren seine Ziele mit dem Gewehr? «Der Feind, der an die Grenze kommt, sollte wissen, dass wir hier ein tüchtiges Geschirr haben», erzählt Brodbeck. An der Wand hinter ihm hängen Fotos der Testtage auf dem Jungfraujoch, wo das Gewehr bei minus 20 Grad getestet und durch Schlammbäder gezogen wurde. Für das Sturmgewehr 90 alles kein Problem. «Glauben Sie mir, damit müssen Sie sehr, sehr lange schiessen, bis Sie eine Störung hinbekommen», sagt Brodbeck, der einst auch als Sportschütze zur nationalen Spitze gehörte. Für Kenner: An einem eidgenössischen Schützenfest schoss er 30 Schuss in vier Minuten mit einem 9er-Schnitt.

Nähmaschine statt Sturmgewehr

Fast 40 Jahre lang arbeitete Brodbeck als Mr. Sturmgewehr bei der SIG, immer mit der Lupe im Sack, um kleinsten Ungenauigkeiten auf den Grund zu gehen und immer mit dem Ziel, das Gute noch besser, noch präziser zu machen. Dank ihm müssen die Soldaten im Dienst heute wesentlich weniger schleppen als früher. Wenn er heute Rekruten mit umgehängtem Sturmgewehr auf der Strasse sieht, dann freut ihn das noch immer.

Und moralische Bisse, hat er die? Immerhin hat er ein Berufsleben an der Perfektionierung professioneller Tötungsgeräte gearbeitet. «Sehen Sie», sagt Brodbeck, und legt das Sturmgewehr sachte zurück ins Regal. «Ich hätte auch Nähmaschinen produziert, wenn man mich darum gebeten hätte. Was mich faszinierte, war immer nur die Technik und nie der Umstand, dass ich eine Waffe erschuf.»

Etwas will mir Brodbeck zum Schluss noch zeigen. Also vorbei an Hunderten bedrohlich in den Raum deutenden Gewehrläufen, unter dem streng von der Wand schielenden Herrn Guisan hindurch und rüber in den kleinen Raum mit dem grauen Wandschrank. Brodbeck öffnet ihn und nimmt einen alten Ordonnanz-Säbel heraus. «Den habe ich mir während meiner Lehrzeit für Fr. 1.50 in Einzelteilen gekauft und dann zusammengesetzt», sagt Brodbeck. Einst war das eine tüchtige Waffe, heute ist der Säbel bloss noch ein glänzendes Museumsstück: Diesen Schritt ist er dem Sturmgewehr 90 noch voraus.

Erschienen in der „Aargauer Zeitung“ am 21. Dezember 2016.

Adula Ade? Wilde Bündner wehren sich

Im November entscheiden 14 Bündner und drei Tessiner Gemeinden, ob die Schweiz einen zweiten Nationalpark erhält. In den Tälern tobt ein erbitterter Kampf.

Düster ists im Val Lumnezia, nicht nur wegen des Nebels, der an diesem Abend über dem Bündner «Tal des Lichts» hängt. Düster ist auch die Stimmung im Gemeindesaal von Vrin zuhinterst im Tal. Rund 150 Vriner hocken auf den Stühlen und schauen nach vorne, wo ein paar Bergbauern über die Leinwand flimmern und erzählen, wie sie profitieren könnten – profitieren vom Nationalpark «Parc Adula» im Grenzgebiet zwischen dem Tessin und der Bündner Surselva. Die Idee für den neuen Nationalpark hatte Pro Natura im Jahr 2000. Seither ist das beschauliche Vrin politische Kampfzone.

14 Bündner und drei Tessiner Gemeinden stimmen am 27. November über das Projekt ab. Es liegt in ihren Händen, ob die Schweiz einen zweiten Nationalpark erhält – vorerst für zehn Jahre, danach gäbe es eine erneute Abstimmung. In der 145 Quadratkilometer grossen Kernzone des Parks würden strenge Umweltschutzregeln gelten, um die menschliche Einwirkung auf die Natur zu minimieren. Umgeben wäre die Kernzone von der 1085 Quadratkilometer grossen Umgebungszone, in der man weiterhin nachhaltig wirtschaften dürfte. Damit wäre der Parc Adula fast so gross wie der Kanton Aargau. Jährlich flössen von Bund und Kantonen gut fünf Millionen Franken in die Region. Die Gemeinden selber müssten maximal 10000 Franken investieren. Eigentlich ein guter Deal.

Der Direktor und die Demokratie

Wäre da nicht die «Charta», das 400-seitige Handbuch, das festlegt, welche Regeln im Park gelten sollen und das die lokalen Gemüter erhitzt. 90 Tage lang konnten die Bewohner und Vereinigungen wie der Schweizer Alpen-Club SAC oder die Bündner Jäger die Charta einsehen und Änderungswünsche anbringen. 730 Anträge sind eingegangen, zum Beispiel jener der Armee, die eine Sonderregelung für ihren Panzerschiessplatz im Nationalparkgebiet verlangte (und erhielt) oder des SAC, der forderte, dass man in der Kernzone uneingeschränkt wandern und Schneeschuhtouren unternehmen können müsse (vergeblich). Monatelang suchte man nach Kompromissen. Seit Anfang Oktober liegt die definitive Charta vor.

Trotz definitiver Charta: Sicher ist noch gar nichts. Befürworter und Gegner des Nationalparks liefern sich weiterhin einen erbitterten Kampf. Keiner bekommt das mehr zu spüren als Martin Hilfiker. Er ist Direktor des Nationalparkprojekts und kämpft an vorderster Front für den Parc Adula. Mit seinem ganzen Team ist er derzeit auf Werbetour in der Surselva, jeden Abend Werbefilm, Diskussion, Apéro. Hilfiker sitzt im Vriner Gemeindesaal und sagt: «Das Nationalparkprojekt ist voller Kompromisse. Alle sind ein bisschen unzufrieden. Es ist typisch Schweiz.» Mit seinem Team hat er jahrelang Meinungen eingeholt, Regelungen angepasst und Fragen geklärt. Mehr als 80 Projekte – von Trockenmauer-Sanierungen über Kirchenrenovationen bis hin zu neuen ZiegentrekkingAngeboten – haben sie umgesetzt, mehr als zehn Millionen Franken investiert. «Die technischen Fragen sind geklärt, viele Projekte gut angelaufen. Doch jetzt, in der heissen Schlussphase, zählt wieder nur das Bauchgefühl», sagt Hilfiker.

Indianer und Bündner Reservate

Der Ökonom mit «Parc Adula»-Gilet und stählernen Nerven wiegt genau ab, was er sagt. Er will Wogen glätten, keine stürmischen Debatten lancieren. Aber so ganz kann er schon nicht verstehen, wieso sich so viele Menschen gegen das Projekt auflehnen. «Diese Randregionen könnten mit dem Park Werbung für sich und ihre Produkte machen. Es stünde Geld zur Verfügung, um die Projekte weiterzuführen. Manche wollen trotzdem nichts vom Park wissen.»

Trübe Aussichten im Tal des Lichts: Die Nationalparkbefürworter haben im Val Lumnezia einen schweren Stand.

Hilfiker aber kämpft unbeirrt weiter. Für ihn ist das eine ganz persönliche Sache. «Mein Grossvater wanderte 1922 aus der Schweiz aus, weil er keine Perspektive mehr hatte. Ich will verhindern, dass es den Menschen hier ähnlich ergeht, weil sie kein Auskommen mehr finden.» Der Nationalpark könnte da Abhilfe verschaffen. Es gäbe 18 neue Vollzeitstellen, immerhin.

Doch manch ein Talbewohner fühlt sich durch den Nationalpark existenziell bedroht. Die Adula-Gegner sind gut organisiert. Im Dorf haben sie Plakate aufgehängt, auf denen ein Indianerhäuptling zu sehen ist und neben ihm der Spruch: «Die Indianer haben ihr Land für eine Illusion verkauft. Machen wir nicht das Gleiche. Nein zum Parc Adula.» Wilder Westen im wilden Osten. In Leserbriefen äussern die Park-Gegner ernsthafte Bedenken darüber, dass die Einwohner der Adula-Gemeinden bald in einem von Bundesbern kontrollierten «Reservat» leben müssten.

Diese dramatischen Töne seien nötig, findet Thomas Meier. «Das Nationalparkgebiet, das ist unser Garten. Man will uns das Recht nehmen, sich darin frei zu bewegen», sagt er im Vriner Gemeindesaal. Meier ist Hüttenwart in der SAC-Länta-Hütte. Und er regt sich auf über diese Menschen beim Bund und vom Parc Adula, die dem SAC nicht zuhören wollten und den Jägern zu viel Glauben schenkten und mit dem Nationalpark-Label inflationär um sich werfen würden und der Region sicher überhaupt nichts brächten. «Wir verzichten hier schon auf viel. Jetzt kann man uns nicht auch noch unsere Freiheit nehmen», sagt Meier.

«Ihr seid todlangweilig»

Die deutlichsten Worte im Vriner Gemeindesaal findet Leo Tuor, Romanautor, Schafhirt, lokale Legende. Tuor schimpft über den «Labelwald» und über den «Parksalat», mit dem man die schöne Wildnis hier verschandeln wolle. «Ihr seid todlangweilig. 16 Jahre und 10 Millionen und ihr habt nichts Neues geschaffen», ruft Tuor in den Saal, zuerst auf Rumantsch, dann auf Dialekt, damits auch die Anzugträger vom Bundesamt für Umwelt in der vordersten Reihe verstehen. «Wir wollen selber bestimmen, wie wir unsere Alpen gestalten», ruft Tuor.

Ihre Alpen, sie seien bedroht durch die fremden Planer mit ihren Labels und ihren Tourismusideen. Dabei brauche es keine Pärke, keine Labels und keine Bundesmillionen, um die Täler zu retten. «Dazu brauchen wir nur eines: Kinder», ruft Tuor, der den Nationalpark-Promotoren seit Tagen nachreist und in allen Gemeindesälen der Surselva dasselbe verkündet. Und vielleicht bräuchte es auch Touristen, könnte man einwerfen. Die Surselva leidet unter den rückgängigen Besucherzahlen. Im vergangenen Winter kamen acht Prozent weniger Besucher als noch im Vorjahr. Ein schmerzhafter Einbruch.

Und was meinen die Vriner Bürger? Vorerst nicht viel. Sie warten ab. Sprechen werden sie in einem Monat, an der Urne. Prognosen sind schwierig, da sind sich Befürworter und Gegner einig. Die autoritätsgläubigen Bündner, die seien kritisch, weil sie sich durch die neuen Regeln eingeschränkt fühlen würden. Die Einwohner der drei Tessiner Gemeinden hingegen, die sähen das lockerer, weil sie ein unverkrampftes Verhältnis hätten zu Regeln und Gesetzen, tönt es aus Vrin. Das sind gute Neuigkeiten für die Nationalpark-Befürworter. Denn auf eine Gemeinde kommt es am 27. November besonders an: Blenio. Weil das Dorf einen grossen Anteil an der Kernzone hat, ist seine Zustimmung unbedingt nötig, um den Park realisieren zu können.

Weniger zentral ist das kleine Sumvitg. Trotzdem hat das 1300-Seelen-Dorf diese Woche für Aufruhr gesorgt. Am Wochenende stimmte die Bevölkerung in Sumvitg nämlich schon mal über das Parkprojekt ab, weil dies die Dorfverfassung so vorsieht. Es seien so viele Menschen an die Versammlung gekommen wie kaum je zuvor, sagt Gemeindeschreiber Fabian Collenberg. Resultat: 55 waren für den Nationalpark, 153 dagegen. 74 Prozent Nein-Stimmenanteil.

Ein deutliches Zeichen, aber kaum das letzte Wort in der Causa Adula.

Erschienen in der „Aargauer Zeitung“ am 28. Oktober 2016.

*Die Stimmbevölkerung der befragten Gemeinden hat das Begehren im  November 2016 abgelehnt. Die Schweiz erhält vorläufig keinen zweiten Nationalpark.

Allah im Schlachthof

 

In Hinwil werden Tiere nach muslimischem Ritus geschächtet – tierschutzkonform und ohne, dass Konsumenten dem Fleisch etwas anmerken. 

Ali Gündogdu greift zum Schlachtmesser, den Blick Richtung Mekka, die linke Hand am Nacken des betäubten Lamms, das vor ihm in der Luft hängt. «Allahu akbar, Allahu akbar, Allahu akbar», flüstert er in das leise Surren und Brummen der Maschinen rund um ihn herum. Er schaut auf zum Lamm, streicht ihm mit dem Messer über den Hals, sucht die richtige Stelle.

«Bismillahirrahmanirrahim», im Namen Gottes, des Allerbarmers, des Barmherzigen. Gündogdu schneidet dem Lamm die Kehle durch. Ein paar Sekunden Nervenzuckungen. Dann ist das Tier tot, wird vom Schlachtband fortgetragen, ausgenommen, zerlegt, in den Kühlraum gebracht.

Eine normale Schlachtung, wie es sie in Schlachthöfen in der Schweiz täglich gibt, mit dem Unterschied, dass der Schlachter ein gläubiger Muslim ist, vor dem Halsschnitt ein Gebet spricht, in Richtung Mekka schaut und ein Messer verwendet, das nur für Lämmer genutzt wird. Diese Schlachtmethode ist «halal», also dem Islam entsprechend. Für Muslime ist es zentral, dass die Halal-Regeln eingehalten werden. Normales Fleisch essen sie aus Überzeugung nicht, halales schon. Der Unterschied: ein Gebet, eine Blickrichtung, ein Messer, mehr nicht. Anders als im Ausland müssen die Tiere in der Schweiz nämlich auch bei Halal-Schlachtungen betäubt werden.

Imam auf Schlachthofbesuch

Trotzdem: Dass in der Schweiz halal geschlachtet wird, gibt zu reden. Das hat auch Martin Hollenstein, Geschäftsleiter des Zentralschlachthofs Hinwil, zu spüren bekommen. Vor einigen Jahren hat Hollenstein auf Wunsch eines türkischen Fleischunternehmers, der seine Kunden mit Schweizer Fleisch beliefern wollte, mit den Halal-Schlachtungen begonnen. Bald schon machten Gerüchte die Runde. «In Hinwil schächten sie jetzt», habe man gemunkelt.

Neçmi Aydogan sagt, die Schafe und Kälber in der Schweiz müssten froh sein, dass ihnen das Schicksal der im Ausland geschächteten Tiere erspart bleibe.

Dabei würde Hollenstein nie im Leben daran denken, ein Tier zu schächten, es also ohne vorgängige Betäubung zu töten. «Der Tierschutz wird bei uns grossgeschrieben. Wir haben rund um die Uhr Tierärzte vor Ort und halten uns an die gesetzlichen Vorgaben.» Er selbst habe schon Videos von Schächtungen gesehen, das habe ihm gereicht, das sei grausam.

Gegen die Idee, in seinem Schlachthof Halal-Fleisch zu produzieren, hatte Hollenstein aber nichts einzuwenden. «Der Kunde kam mit einem Imam vorbei. Der Imam hat die Anlage inspiziert, wir haben unsere Standards erklärt, er hat sein Einverständnis gegeben.»

Ein offizielles Halal-Zertifikat für geschlachtete Tiere gibt es in der Schweiz nicht. Mit dem Kunden hat Hollenstein aber einen Vertrag abgeschlossen, in dem die wichtigen Punkte festgehalten sind. Die Ferienpläne seiner drei muslimischen Schlachter sind so aufeinander abgestimmt, dass einer immer vor Ort ist. Über die Schlachtungen wird genau Buch geführt. «Eigentlich verlaufen alle unsere Schlachtungen nach den Halal-Kriterien, weil immer mindestens ein Muslim beteiligt ist, der die entsprechenden Gebete spricht. Ausser natürlich bei den Schweineschlachtungen.»

Dass das Halal-Fleisch made in Hinwil bei den Kunden gut ankommt, zeigt der geschäftliche Erfolg des türkischen Unternehmers, der vor ein paar Jahren bei Hollenstein an die Tür klopfte. Erst kürzlich hat er im schwyzerischen Siebnen eine neue Filiale eröffnet, in der er das Hinwiler Halal-Fleisch verkauft.

Hinter der riesigen Fleischtheke in Siebnen steht Neçmi Aydogan, Sohn des Unternehmers und ausgebildeter Metzger. «Das Schweizer Halal-Fleisch ist qualitativ auf einem ganz anderen Level als das importierte», betont Aydogan und drückt auf einem Filetstück herum. «Viel zarter, besser. Das liegt an der Betäubung der Tiere. Die kommt für das Tier unerwartet, deshalb ist es bei der Schlachtung nicht gestresst und nicht verspannt.»

Betäubung und Mohammed

Auch wenn es für die allermeisten seiner Kunden kein Problem darstellt, dass die Tiere vor den Schlachtungen mit Strom betäubt wurden, spürt Aydogan dennoch hie und da Widerstände gegen das tierschutzkonforme Schweizer Halal-Fleisch. «Manche Muslime glauben halt, die Betäubung bringe das Tier um. Und wenn das Tier beim Halsschnitt schon tot ist, dann wäre das in ihren Augen Aasfleisch und deshalb nicht essbar.»

Gerade am Morgen habe er einen Kunden aus Algerien gehabt, der sich partout geweigert habe, Fleisch von betäubten Tieren zu kaufen. «Solche Diskus­sionen habe ich jeden Tag», sagt Aydogan. Er versuche dann jeweils zu erklären, dass in der Schweiz strenge Tierschutzregeln gelten. «Schon der Koran sagt, dass man keine Tiere quälen dürfe.» Er überlegt kurz und sagt: «Wenn Mohammed heute lebte, würde er die vorgängige Betäubung mit Strom wohl gutheissen.»

Ein Gebet, ein Stich, that’s it. Der Unterschied zwischen halalem Schlachten und normalem Töten ist marginal.

Doch Aydogan versucht, seine Kunden nicht nur mit religiösen Argumenten zu überzeugen. Viel besser ziehen die wirtschaftlichen. «Ich erkläre ihnen, dass man betäubte Tiere wesentlich einfacher und schneller schlachten kann, weil die sich nicht mehr nach Kräften wehren. Der Aufwand ist kleiner, die Effizienz ­höher, die Kosten entsprechend tiefer.» Aydogan weiss das. In ­seiner Heimat, der Türkei, hat er auch schon Tiere ohne Betäubung geschlachtet. Das sei mühsam, wirklich mühsam.

Die Idee mit dem Oblicht

Zurück im Schlachthof Hinwil: Martin Hollenstein steht inmitten der Schlachthalle, im Hintergrund bambeln die ausgebluteten Lämmer am Schlachtband vorbei. Da ist Blut, da ist Fell, so ist das beim Schlachten. Wer Fleisch essen will, der muss in Kauf nehmen, dass Tiere getötet werden. «Wichtig ist der würdige Umgang mit den Schlachttieren», sagt Hollenstein und zeigt auf die Räume, von wo aus die Lämmer durch einen schmalen Gang in die Schlachthalle gelangen.

Hollenstein liess kürzlich die bekannte amerikanische Tierwissenschafterin Temple Grandin einfliegen. Sie hat den Schlachthof besichtigt und Massnahmen vorgeschlagen, um ihn tierfreundlicher zu gestalten. «Wir haben zum Beispiel die Oblichter in den Warteräumen entfernt, weil gleissendes Licht in den Tieren Stress auslöst», erzählt Hollenstein. Ihm ist es wichtig, dass die Tiere möglichst nichts davon mitbekommen, was mit ihnen hier geschieht.

Am Ende des Gangs zwischen Warteraum und Schlachthalle werden die Tiere mit einer Elek­trozange betäubt. Bei den Kälbern, die an einem anderen Band geschlachtet werden, funktioniert die Betäubung via Bolzenschuss. Schlächter Gündogdu, der gläubige Muslim, findet das gut so. «Eine Betäubung muss sein, sonst hätte ich Bedenken, die Tiere zu schlachten.» Dann verfällt er wieder in seinen gewohnten Rhythmus. Nackengriff, «Allahu akbar, Allahu akbar, Allahu akbar», Blick nach Mekka, «Bismillahirrahmanirrahim», Schnitt. Die Lämmer bekommen von den Gottesrufen nichts mehr mit.

Erschienen in der „Aargauer Zeitung“ am 22. September 2016.

Tschüss Schweiz! Abatnis will nur noch weg hier

Hier bleiben? Nein danke! Immer mehr Flüchtlinge nutzen die Schweiz als Transitland. Ihr Ziel: Deutschland.

Abatnis stürmt die Treppe hoch, doch es reicht nicht. Der 11.15-Uhr-Zug nach Hamburg ist schon losgerollt. Abatnis hats schon wieder nicht geschafft. Dabei war er eigentlich viel zu früh am Badischen Bahnhof in Basel. Er flucht, doch machen kann er nichts. Die deutsche Polizei hatte ihn Minuten vorher vom Perron weggeschickt und ihm gesagt, er soll verschwinden. Abatnis’ Traum von Deutschland ist geplatzt. Schon zum zweiten Mal heute. «Die Leute haben in dem Land zu bleiben, in dem sie sich registriert haben. Keine Diskussionen», sagt einer der beiden deutschen Polizisten auf dem Perron. Abatnis aber sagt, er habe sich gar nie registriert in der Schweiz. Er habe nämlich gar nie hierbleiben wollen. Er wolle nach Deutschland.

Der 36-jährige Eritreer ist kein Einzelfall. Die Anzahl der Flüchtlinge, die die Schweiz nur zur Durchreise nutzen wollen, steigt. Viele wollen weiter nach Deutschland, unter anderem weil sie sich dort bessere Chancen auf Asyl ausrechnen. 812Flüchtlinge sind alleine im Juli illegal von der Schweiz ins nördliche Nachbarland gereist, wie das deutsche Innenministerium gestern bekannt gab. In den ersten 19Augusttagen waren es bereits 512Flüchtlinge. Beunruhigend seien diese Zahlen nicht, sagte der deutsche Innenminister Thomas de Maizière. Gegenüber dem Vorjahr sind sie aber deutlich gestiegen.

Ensa wills versuchen

Abatnis steht auf dem Perron, in der einen Hand seinen Rucksack, in der anderen ein Bahnticket von Lörrach nach Hamburg. «Das andere Ticket haben mir die Polizisten weggenommen, als sie mich gestern aus dem Zug warfen», sagt Abatnis in gebrochenem Englisch. Er wills in einer Stunde wieder versuchen. Er will nur noch weg hier, nicht noch mal im Park unter den Bäumen schlafen.

Letzte Station vor dem Fluchtversuch. Ein Basler WC-Häuschen unweit der deutschen Grenze.

12 Uhr, Landschaftspark Wiese, Basel: Hier hatte Abatnis die Nacht verbracht. Er war nicht der Einzige. Hinter dem WC-Häuschen am Parkrand liegen drei zerrissene Matratzen. Zwei dunkelhäutige Personen schlafen darauf, eingelullt in Decken und Kartonplatten. An die Wand hat jemand «I love Eritrea» gesprayt.

Einen Steinwurf vom WC-Häuschen entfernt steht das Empfangs- und Verfahrenszentrum (EVZ) Basel. Hier wird ein Teil der Flüchtlinge, die in die Schweiz einreisen, vorläufig untergebracht, registriert und danach in kantonale Asylzentren weitergeleitet.

Stimmt es, dass hier immer häufiger Flüchtlinge abhauen und über die nahe Grenze nach Deutschland verschwinden? Die Zentrumsleiterin lächelt freundlich, will aber keine Auskunft geben. Ensa ist gesprächiger. Der 21-jährige Gambier steht am Empfang des Zentrums und sagt: «Ja, viele Gambier und Nigerianer wollen nur nach Deutschland. Sie glauben, dort seien sie eher willkommen.» Ensa zeigt mit einem Finger an seine Schläfe und verdreht die Augen. «Ich versuchs hier, ich will es hier schaffen.»

Doch Ensas Zuversicht teilen immer weniger Flüchtlinge. Der «Willkommen!»-Ruf aus Deutschland ist bis an die Gestade des Mittelmeeres gedrungen und hallt tausendfach wider in den Köpfen der hoffnungsvollen Scharen, die sich an Europas Küsten schleppen. Italien, die Schweiz, das sind für sie keine Ziele mehr, das sind nur noch Statio- nen auf dem langen Weg.

Brötchen für die armen Teufel

Ziel ist Deutschland. Zum Beispiel Weil am Rhein. Hier sitzt Siegfried Feuchter in seinem Büro direkt an der Hauptstrasse und blättert in der Samstagsausgabe seiner «Weiler Zeitung». Feuchter ist Chefredaktor, und er ist besorgt. «Diese armen Teufel kommen hier nachts massenweise an und schlafen vor dem Polizeirevier, um dort am Morgen um Asyl zu bitten», sagt er und zeigt auf einen Artikel. «Wieder 19 Flüchtlinge vor dem Revier», steht da fett geschrieben. Feuchter war da, hat sich das angeschaut, hat beim Bäcker ein paar Brötchen ge- kauft und sie verteilt.

«Im Juli strandeten hier 140 Menschen.» Feuchter zögert, doch dann ergänzt er: «Offiziell sagt es niemand, aber hinter vorgehaltener Hand tönt es schon ab und dann, die Schweiz schaue gar nicht mehr so genau hin, wer das Land Richtung Norden verlasse.»

Paul Wissler, Pressesprecher des Polizeipräsidiums Freiburg, kennt die Zustände in Weil am Rhein. Hat er das Gerede auch gehört? Macht die Schweiz ihr Ämtli an den Grenzen nicht mehr gut genug? «Doch», sagt Wissler. «Die Zusammenarbeit mit den Schweizer Behörden ist sehr gut. Ich sehe nicht, wie sich die Schweiz anders verhalten sollte.» Wisslers Kollegen in Weil am Rhein versuchen jeden Morgen die Personalien der Flüchtlinge, die vor dem Revier geschlafen haben, zu prüfen. Die meisten haben allerdings keine Dokumente und werden direkt nach Karlsruhe ins Erstaufnahmezentrum weitergeleitet.

Was danach mit ihnen geschehe, das wisse er nicht, sagt Wissler. «Die starke Zunahme der illegalen Flüchtlinge aus der Schweiz ist für uns aber eine grosse Belastung. Unsere Ressourcen sind stark begrenzt. Wir müssen bei anderen Aufgaben zurückstecken.»

14 Uhr, zurück auf dem Perron am Badischen Bahnhof. Abatnis ist nicht mehr hier. Dafür ein Service-Angestellter der Deutschen Bahn. Die Flüchtlinge seien ein Problem, sagt er. «Sie sitzen im Zug ohne Papiere, dann müssen wir hier die Polizei verständigen, dann kommen die, holen sie raus, und die Züge haben Verspätung.» Und bringen tue es ja trotzdem nichts. «Weil sie im nächsten Zug wieder drinsitzen.» Bis sie am Ziel sind.

Erschienen in der „Aargauer Zeitung“ am 24. August 2016.

Der Sensemann am Todeshang

Die Isentaler Wildheuer haben den gefährlichsten Job der Welt. Ein falscher Schritt bei ihrer Arbeit – dann bimmelt unten im Dorf wieder das Totenglöcklein.

Regen in der «Wildi», das wäre dreifach dumm. Das Heu wäre schwerer, der Abtransport mühsamer, die Ausrutschgefahr grösser. «Und Ausrutschen will hier in der ‹Wildi› niemand», sagt Christian Gisler und schaut kritisch zu den Regenwolken hoch, die über die Isentaler Gipfel quellen. Wer ausrutscht, dem droht dasselbe Schicksal wie dem «Axiger Sepp», dem Urner Schwyzerörgeli-Virtuosen Josef Gisler, der vor ein paar Tagen beim Wildheuen einen falschen Schritt machte und 300 Meter über die Felsbänder hinab zu Tode stürzte. «Da drüben am Rophaien war das», sagt Gisler und zeigt an einen der Steilhänge in der Ferne. Gisler steht auf einer Wiese ob der Alp Gitschenen und gönnt sich eine kurze Verschnaufpause. Dann gehts schnellen Schritts weiter bergan, mitten in die «Planggen» hinein, wo der junge Landwirt heute wildheuen will. Gislers gefährliches Reich liegt zuhinterst im Urner Isental, hoch oben über den schroffen Felsbändern, die den Talkessel mit grauer Gewalt umziehen.

Horror ohne Heu

In die Wildi ging schon Gislers Vater, und vor ihm sein Grossvater, um mit der «Sägäsa» zu mähen, die Heu-«Pinggu» zu schultern und ihren Kühen ein biodiverses Alpenmahl in Trockenform ins Tal zu tragen. Wann genau sie im Isental mit dem Wildheuen angefangen hätten, weiss Christian Gisler nicht. Er weiss aber, dass es früher im Dorf ab und an «Mais» gegeben habe, wenn wieder einer dem anderen die Planggen streitig machte und sich friedliche Nachbarn ob des knappen Alpenheus in die Haare gerieten.

Früher nämlich war das Wildheuen im Isental mehr als nur subventionierte Landschaftspflege und mehr als nur die Beschaffung von hochkarätigem Feel-Good-Food für die Kühe. Die Bauern brauchten das Heu von den Steilhängen dringend, um im Winter ihre Tiere und damit ihre Familien durchzubringen. Im damals noch praktisch von der Aussenwelt abgeschotteten Tal gab es kein grösseres Horrorszenario als hungernde Kühe, die keine Milch mehr geben. «Schmal durch» mussten sowieso die meisten. Ohne Milch wärs wohl gar nicht mehr gegangen, erzählt Gisler. Entsprechend ernst ging es zu und her, wenn die Bauern des Tals jeweils Anfang August zu einem genau festgelegten Zeitpunkt vom Dorf aus auf die Planggen stiegen, um sich ihren Teil der Wildheuhänge durch «Aazeichne» mit der Sense für die Saison zu sichern.

Heute ist alles weniger hektisch. Der Grossteil der Wildheuflächen gehört einer Korporation, die die Planggen an Wildheuer verpachtet. Erbitterte Konkurrenzkämpfe ums knappe Heu gibts nicht mehr, ganz im Gegenteil. Die Kühe überleben die strengen Winter prima ohne das «Notheu» aus der Wildi. Und die gefährliche Mühsal würde sich manch ein Isenthaler Bauer noch so gerne ersparen. Doch einige von ihnen sind Jahr für Jahr weiter in die Wildi, ohne Not und ohne Subventionen. Ihr Lohn war wohlriechendes Heu und das Bewusstsein, die blühenden Planggen für ein weiteres Jahr vor der drohenden Verbuschung bewahrt zu haben.

Für ihr Engagement hat die Stiftung Landschaftsschutz Schweiz die rund 30 verbliebenen Isentaler Wildheuer am Wochenende mit ihrem Landschaftsschutz-Preis ausgezeichnet. Die Wildheuer erhielten die mit 10000 Franken dotierte Auszeichnung stellvertretend für die rund 100 Urner Bauern, die noch immer regelmässig in die Wildi steigen.

Der Preis hat das zuweilen fast vergessene Isental (und den fast gleichnamigen Hauptort Isenthal) wieder auf die mediale Landkarte der Schweiz gesetzt. Journalisten haben bei den Wildheuern angerufen und um Interviews gebeten. Man musste einen Apéro für die Preisübergabe organisieren und ein paar Wildheuer an die halbtägige Fachtagung am Freitag abdelegieren. Christian Gisler aber wollte lieber in die Wildi. An der Tagung gibts Referate. Heu aber gibts da keines, das gibts nur hier oben auf den Planggen.

Auf einem unheimlich steilen Abhang zwischen der Chälenegg und der Nätschegg stellt Gisler den Rucksack an einen Steinbrocken, legt Sense und Rechen ins Gras und füllt das «Steinfass» mit Wasser von der Quelle, die hier aus dem Boden schiesst. Den Wetzstein für die Sense ins Steinfass, das Steinfass an den Gurt, wie ein Cowboy den Revolver, der Griff zur Sense und dann der erste Zug. Die Sense flach übers Gefälle, Bewegung aus dem Unterarm, taufrisches Zischen, während die Enziane, Arnikas und Glockenblumen der scharfen Klinge nachgeben. Heugümper gumpen um ihr grünes Leben. «Wenn die Sonne scheint, flattert jeweils die ganze Wiese vor Schmetterlingen», ruft Christian Gisler von der steilen Plangge herüber. Dann ist das Mähen jeweils ein Massenmord auf GrashalmLevel.

Als der Martin sich den Hals brach

Von der Sonne aber ist nichts zu sehen. Noch immer graue Wolken über dem Isental, feuchtes Alpengras unter den Wanderschuhen. 50 bis 80 Grad steil sei die Plangge hier, schätzt Gisler. Die Urner Wildheuflächen sind wohl die extremsten Wiesen des Landes. Wer ausrutscht, rutscht ein Weilchen. Über die felsige «Flue» rutschen werde er an dieser Stelle hier aber schon nicht, meint Gisler. Jedes zweite Jahr aber mäht er auf einer anderen Plangge, auf die er keinen Reporter mitnehmen würde. Da trägt er die Steigeisen, die er hier nur auf den untersten Metern des Steilhangs braucht, jeweils von Beginn an. Da wird jeder Schritt genau abgewogen, vor jedem Zug einmal ehrfürchtig zum Himmel geschaut. «Das Risiko gehört hier irgendwie einfach dazu», sagt Gisler und zieht die Sense durchs hohe Alpengras. Passieren könne immer was, «ond wennd Schwein hesch, wersch alt».

Dann sagt Gisler eine Weile nichts mehr, mäht sich Meter für Meter über den gefährlich steilen Hang. Keine Kuh würde sich in diese Planggen wagen, auch wenn die Alpenblumen noch so saftig herüberleuchten. Und selbst erfahrenen Wildheuern wie Christian Gisler schmerzen beim «Häiuwen» schon nach kurzem die Füsse ob all der Steilheit, mit der die Hänge hier in die felsigen Abgründe übergehen.

Kurz vor dem Zmittag taucht Gislers Vater plötzlich im Steilhang auf. Augustin «Schtini» Gisler, 79, Alpenfalten im Gesicht, mehr als 65 Jahre Erfahrung als Wildheuer. Seinem tiefblauen Blick weichen die Wolken. Unter strahlender Sonne richtet er sich im Gestrüpp seinen «Dängeli»-Platz ein. «Dängele», die Sense nachbessern mit Hammer, Kraft und Gefühl. Schtini setzt sich auf einen alten Strunk, rammt einen Rechen vor sich in den Boden, bindet den Sensenstil mit Faden am Rechen fest. Die Sense balanciert vor ihm in der Luft, die Hammerschläge auf die Klinge mischen sich mit den zischenden Schneidegeräuschen von der Plangge her. Schtini hat früher Stiere gezüchtet und sie mit Wildheu gefüttert. Er hat jedes Jahr geheut, seit er 13 war, immer, auch als es vom Staat noch keine Unterstützungsgelder gab. Menschen wie ihm ist es zu verdanken, dass sich die alte Wildheuer-Tradition immer noch gibt, auch wenn er das nicht von sich sagen will.

Verändert habe sich in all den Jahren nicht viel, ausser dass das «Häiuwe» seine wirtschaftliche Bedeutung verloren habe und ausser dass man an gewissen Stellen mit der Maschine mähe und ab und dann den Helikopter bestelle, wenn man sich das Hinuntertragen der bis zu 70 Kilo schweren Heunetze, der «Pinggu», ersparen wolle. Heute aber wirds nichts mit dem Heliflug übers Isental. Vater und Sohn Gisler wollen die Pinggu auf traditionellem Weg ins Tal befördern. Mit den mitgebrachten Haken wollen sie die vollen Heunetze an die Drahtseile hängen, die sich wie angerostete Spinnweben über die Planggen hin ins Tal hinunterziehen.

Schtini weiss noch, wie sie sich als Jugendliche selber mit Gurt und Haken an den Drahtseilen festmachten, einen alten Kartoffelsack als Bremshilfe über die Seile schwangen und in halsbrecherischem Tempo von den Planggen her über die Flue hinunter ins Tal sausten, bis dann eines Tages wirklich mal einer, der Martin, den Hals brach und ums Leben kam. Talwärts saust seither nur noch das Heu.

Zwei Pinggu schultert Christian nacheinander, hängt sie an die Haken und schickt sie mit einem Klaps talwärts. Dann ist fürs Erste «gnueg Heu donde». Am nächsten Tag kommen die Gäste zur Preisverleihung auf die nahe Alp Gitschenen und schauen rüber auf die Planggen. Dann will Christian Gisler nochmals hochkommen, mähen, rechen, Pinggu füllen und talwärts sausen lassen. Die Gäste sollen ja sehen, wie das mit dem Wildheuen so geht.

Und während man auf der Alp Gitschenen am Samstag auf die Auszeichnung anstossen wird, beerdigen sie unten in der Urner Ebene in der Pfarrkirche Flüelen den abgestürzten «Axiger Sepp», am gleichen Morgen. Freud und Leid liegen nah beieinander beim Wildheuen.

Doch auch wenn ab und dann wieder einer ausrutscht und über die Felsen hinunter in Gottes Hände fällt und auch wenn sich die Mühe ausser für die Kühe kaum noch für jemanden lohnt: Das Wildheuen wird im Isental nicht aussterben. Christian Gislers sechsjähriger Sohn Elias jedenfalls will auch bald «in die Wildi» steigen. Vorerst übt er noch in flacheren Gefilden und schneidet am Abend, als der Vater von den Planggen steigt, hinter dem elterlichen Bauernhaus Gras. Nicht mit der «Sägäsä» zwar, sondern mit der gelben Küchenschere. Aber schliesslich ist noch kein Wildheuer vom Himmel gefallen.

 

Geld fürs Heu: Das kostet der Landschaftsschutz

Die Stiftung Landschaftsschutz Schweiz (SL) hat die Isentaler Wildheulandschaft zur «Landschaft des Jahres 2016» erklärt und den Isentaler Wildheuern als Anerkennung für ihr «sportliches Wirtschaften in einer vertikalen Kulturlandschaft» 10000 Franken ausbezahlt. Die Wildheuer haben festgelegt, dass jeder 200 Franken erhält. Der Restbetrag geht an ein noch zu bestimmendes Nachhaltigkeitsprojekt.

Der Landschaftsschutz spielt aber nicht nur im Isenthal eine wichtige Rolle. Seit der Jahrhundertwende wird er in der Schweiz grossgeschrieben. 1905 wurde die «Ligue pour la conservation de la Suisse pittoresque» (die Schweizerische Vereinigung für Heimatschutz) ins Leben gerufen, 1909 formierte sich der Schweizerische Bund für Naturschutz (seit 1997 Pro Natura). Was der Landschaftsschutz die Schweiz jährlich kostet, ist schwer zu beantworten, weil zahlreiche staatliche und private Akteure mitmischen. Das zeigt das Beispiel der Isentaler Wildheuer. Sie erhalten Naturschutz- und Landwirtschaftsgelder von Bund und Kanton, profitieren vom Wildheuerförderprogramm des Kantons Uri und kriegen Zustüpfe von privaten Institutionen wie etwa der SL.

Dieser Mix aus Staats- und Privatgeldern steckt in vielen Landschaftsschutzprojekten. Zentral sind die sogenannten Programmvereinbarungen des Bundes: Von 2012 bis 2015 etwa hat das Bundesamt für Umwelt den Kantonen Unterstützungsbeiträge in der Höhe von 5,5 Millionen Franken für den Landschaftsschutz ausbezahlt.

Ein zentraler Landschaftsschutz-Akteur ist der zum 700-Jahr-Jubiläum der Schweiz gegründete Fonds Landschaftsschutz Schweiz. Seit 1991 hat er mehr als 2360 Projekte mit gut 140 Millionen Franken unterstützt, darunter Projekte zum Schutz von Hochstammgärten im Jura oder zur Restaurierung historischer Brücken im Tessin.

Erschienen in der „Aargauer Zeitung“ am 19. August 2016