People, Portrait, Schweiz

Mr. Sturmgewehr

 

Der Schaffhauser Eduard Brodbeck ist der Erfinder des Schweizer Sturmgewehrs. Glücklich geworden wäre er aber auch mit Nähmaschinen. 

Michail Kalaschnikow drückte ab, staunte und blickte hinüber zu dem Mann, der neben ihm im Schiessstand lag. «Mein Gewehr schiesst ja auch immer, egal, wie widrig die Umstände sind. Aber so präzise wie Ihres schiesst es nicht.» Der Mann, der an diesem Nachmittag 1996 neben dem legendären russischen Waffenbauer lag, lächelte und freute sich über das gute Zeugnis, das der Russe «seiner» Waffe gerade ausgestellt hatte. Wie Kalaschnikow war auch er Waffenkonstrukteur. Nur trug «seine» Waffe – anders als Kalaschnikows Maschinengewehr – nicht seinen Namen. Wäre es in der Schweiz wie in Russland, dann sagte man dem Sturmgewehr 90 der Schweizer Armee «Brodbeck». Und das fände Eduard Brodbeck schrecklich.

Doch der Reihe nach: Dass Eduard Brodbeck überhaupt zu einem der wichtigsten Akteure der Schweizer Waffengeschichte wurde, hat mit einem Entscheid zu tun, den die hohen Herren der Landesverteidigungskommission vor fast genau 60 Jahren auf dem verschneiten Berner Schiessplatz «Sand» gefällt hatten. Überzeugt von der nachmittäglichen Schiessvorführung, entschieden die Herren, dass das «Sturmgewehr 57» der Schweizer Industrie Gesellschaft (SIG) den altgedienten «Karabiner 31» ablösen und zur neuen Dienstwaffe der Schweizer Armee werden sollte. Um den Monsterauftrag bewältigen zu können – die SIG hat über 800000 Sturmgewehre 57 produziert –, holte man Eduard Brodbeck als Gruppenchef des Produktionsteams an Bord.

650 Waffen im Keller

Brodbeck, der studierte Maschinenbau-Ingenieur, kannte die SIG schon von seiner Lehrzeit her. «Eigentlich wollte ich damals bei der Georg Fischer AG Maschinenzeichner lernen. Doch die konnten mich nicht brauchen. Also fuhr mich mein Vater mit dem Trämli direkt von Georg Fischer hinunter nach Neuhausen zur SIG», erzählt Brodbeck, heute 85, und öffnet die Panzertür in den Katakomben des alten Bürogebäudes auf dem einstigen SIG-Areal. «Die nahmen mich», sagt Brodbeck und tritt ein in die SIG-Waffensammlung, die er mit der Stiftung «Historische Waffensammlung der SIG» betreut. Rund 650 Schusswaffen, Prototypen, historische Auftragsbücher, Fotos und Blaupausen liegen und stehen hier in den Regalen.

Brodbeck führt regelmässig Gäste durch die Sammlung und kämpft dagegen an, dass die Blütezeit der Schweizer Waffenproduktion in Vergessenheit gerät. Die SIG produziert heute Verpackungsmaterialien. Und auch die inländische Karabiner-Konkurrenz mischt längst nicht mehr mit in der Waffenindustrie.

Zu Brodbecks Zeiten aber war die SIG die zentrale Waffenschmiede der Schweiz. Und als Gruppenchef der Waffenkonstrukteure prägte Brodbeck die Entwicklung der Schaffhauser Pistolen und Sturmgewehre massgeblich. Nach dem Erfolg mit dem Sturmgewehr 57 bestellte die Armee in den 80er-Jahren ein neues Gewehr: das Sturmgewehr 90. Brodbeck führt in den grossen Raum der historischen Waffensammlung und nimmt Prototypen des Gewehrs aus den Regalen.

Einst lag Eduard Brodbeck neben Herr Kalaschnikow im Schützengraben und erhielt Komplimente.

Doch was waren seine Ziele mit dem Gewehr? «Der Feind, der an die Grenze kommt, sollte wissen, dass wir hier ein tüchtiges Geschirr haben», erzählt Brodbeck. An der Wand hinter ihm hängen Fotos der Testtage auf dem Jungfraujoch, wo das Gewehr bei minus 20 Grad getestet und durch Schlammbäder gezogen wurde. Für das Sturmgewehr 90 alles kein Problem. «Glauben Sie mir, damit müssen Sie sehr, sehr lange schiessen, bis Sie eine Störung hinbekommen», sagt Brodbeck, der einst auch als Sportschütze zur nationalen Spitze gehörte. Für Kenner: An einem eidgenössischen Schützenfest schoss er 30 Schuss in vier Minuten mit einem 9er-Schnitt.

Nähmaschine statt Sturmgewehr

Fast 40 Jahre lang arbeitete Brodbeck als Mr. Sturmgewehr bei der SIG, immer mit der Lupe im Sack, um kleinsten Ungenauigkeiten auf den Grund zu gehen und immer mit dem Ziel, das Gute noch besser, noch präziser zu machen. Dank ihm müssen die Soldaten im Dienst heute wesentlich weniger schleppen als früher. Wenn er heute Rekruten mit umgehängtem Sturmgewehr auf der Strasse sieht, dann freut ihn das noch immer.

Und moralische Bisse, hat er die? Immerhin hat er ein Berufsleben an der Perfektionierung professioneller Tötungsgeräte gearbeitet. «Sehen Sie», sagt Brodbeck, und legt das Sturmgewehr sachte zurück ins Regal. «Ich hätte auch Nähmaschinen produziert, wenn man mich darum gebeten hätte. Was mich faszinierte, war immer nur die Technik und nie der Umstand, dass ich eine Waffe erschuf.»

Etwas will mir Brodbeck zum Schluss noch zeigen. Also vorbei an Hunderten bedrohlich in den Raum deutenden Gewehrläufen, unter dem streng von der Wand schielenden Herrn Guisan hindurch und rüber in den kleinen Raum mit dem grauen Wandschrank. Brodbeck öffnet ihn und nimmt einen alten Ordonnanz-Säbel heraus. «Den habe ich mir während meiner Lehrzeit für Fr. 1.50 in Einzelteilen gekauft und dann zusammengesetzt», sagt Brodbeck. Einst war das eine tüchtige Waffe, heute ist der Säbel bloss noch ein glänzendes Museumsstück: Diesen Schritt ist er dem Sturmgewehr 90 noch voraus.

Erschienen in der „Aargauer Zeitung“ am 21. Dezember 2016.

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