People, Schweiz

Der Sensemann am Todeshang

Die Isentaler Wildheuer haben den gefährlichsten Job der Welt. Ein falscher Schritt bei ihrer Arbeit – dann bimmelt unten im Dorf wieder das Totenglöcklein.

Regen in der «Wildi», das wäre dreifach dumm. Das Heu wäre schwerer, der Abtransport mühsamer, die Ausrutschgefahr grösser. «Und Ausrutschen will hier in der ‹Wildi› niemand», sagt Christian Gisler und schaut kritisch zu den Regenwolken hoch, die über die Isentaler Gipfel quellen. Wer ausrutscht, dem droht dasselbe Schicksal wie dem «Axiger Sepp», dem Urner Schwyzerörgeli-Virtuosen Josef Gisler, der vor ein paar Tagen beim Wildheuen einen falschen Schritt machte und 300 Meter über die Felsbänder hinab zu Tode stürzte. «Da drüben am Rophaien war das», sagt Gisler und zeigt an einen der Steilhänge in der Ferne. Gisler steht auf einer Wiese ob der Alp Gitschenen und gönnt sich eine kurze Verschnaufpause. Dann gehts schnellen Schritts weiter bergan, mitten in die «Planggen» hinein, wo der junge Landwirt heute wildheuen will. Gislers gefährliches Reich liegt zuhinterst im Urner Isental, hoch oben über den schroffen Felsbändern, die den Talkessel mit grauer Gewalt umziehen.

Horror ohne Heu

In die Wildi ging schon Gislers Vater, und vor ihm sein Grossvater, um mit der «Sägäsa» zu mähen, die Heu-«Pinggu» zu schultern und ihren Kühen ein biodiverses Alpenmahl in Trockenform ins Tal zu tragen. Wann genau sie im Isental mit dem Wildheuen angefangen hätten, weiss Christian Gisler nicht. Er weiss aber, dass es früher im Dorf ab und an «Mais» gegeben habe, wenn wieder einer dem anderen die Planggen streitig machte und sich friedliche Nachbarn ob des knappen Alpenheus in die Haare gerieten.

Früher nämlich war das Wildheuen im Isental mehr als nur subventionierte Landschaftspflege und mehr als nur die Beschaffung von hochkarätigem Feel-Good-Food für die Kühe. Die Bauern brauchten das Heu von den Steilhängen dringend, um im Winter ihre Tiere und damit ihre Familien durchzubringen. Im damals noch praktisch von der Aussenwelt abgeschotteten Tal gab es kein grösseres Horrorszenario als hungernde Kühe, die keine Milch mehr geben. «Schmal durch» mussten sowieso die meisten. Ohne Milch wärs wohl gar nicht mehr gegangen, erzählt Gisler. Entsprechend ernst ging es zu und her, wenn die Bauern des Tals jeweils Anfang August zu einem genau festgelegten Zeitpunkt vom Dorf aus auf die Planggen stiegen, um sich ihren Teil der Wildheuhänge durch «Aazeichne» mit der Sense für die Saison zu sichern.

Heute ist alles weniger hektisch. Der Grossteil der Wildheuflächen gehört einer Korporation, die die Planggen an Wildheuer verpachtet. Erbitterte Konkurrenzkämpfe ums knappe Heu gibts nicht mehr, ganz im Gegenteil. Die Kühe überleben die strengen Winter prima ohne das «Notheu» aus der Wildi. Und die gefährliche Mühsal würde sich manch ein Isenthaler Bauer noch so gerne ersparen. Doch einige von ihnen sind Jahr für Jahr weiter in die Wildi, ohne Not und ohne Subventionen. Ihr Lohn war wohlriechendes Heu und das Bewusstsein, die blühenden Planggen für ein weiteres Jahr vor der drohenden Verbuschung bewahrt zu haben.

Für ihr Engagement hat die Stiftung Landschaftsschutz Schweiz die rund 30 verbliebenen Isentaler Wildheuer am Wochenende mit ihrem Landschaftsschutz-Preis ausgezeichnet. Die Wildheuer erhielten die mit 10000 Franken dotierte Auszeichnung stellvertretend für die rund 100 Urner Bauern, die noch immer regelmässig in die Wildi steigen.

Der Preis hat das zuweilen fast vergessene Isental (und den fast gleichnamigen Hauptort Isenthal) wieder auf die mediale Landkarte der Schweiz gesetzt. Journalisten haben bei den Wildheuern angerufen und um Interviews gebeten. Man musste einen Apéro für die Preisübergabe organisieren und ein paar Wildheuer an die halbtägige Fachtagung am Freitag abdelegieren. Christian Gisler aber wollte lieber in die Wildi. An der Tagung gibts Referate. Heu aber gibts da keines, das gibts nur hier oben auf den Planggen.

Auf einem unheimlich steilen Abhang zwischen der Chälenegg und der Nätschegg stellt Gisler den Rucksack an einen Steinbrocken, legt Sense und Rechen ins Gras und füllt das «Steinfass» mit Wasser von der Quelle, die hier aus dem Boden schiesst. Den Wetzstein für die Sense ins Steinfass, das Steinfass an den Gurt, wie ein Cowboy den Revolver, der Griff zur Sense und dann der erste Zug. Die Sense flach übers Gefälle, Bewegung aus dem Unterarm, taufrisches Zischen, während die Enziane, Arnikas und Glockenblumen der scharfen Klinge nachgeben. Heugümper gumpen um ihr grünes Leben. «Wenn die Sonne scheint, flattert jeweils die ganze Wiese vor Schmetterlingen», ruft Christian Gisler von der steilen Plangge herüber. Dann ist das Mähen jeweils ein Massenmord auf GrashalmLevel.

Als der Martin sich den Hals brach

Von der Sonne aber ist nichts zu sehen. Noch immer graue Wolken über dem Isental, feuchtes Alpengras unter den Wanderschuhen. 50 bis 80 Grad steil sei die Plangge hier, schätzt Gisler. Die Urner Wildheuflächen sind wohl die extremsten Wiesen des Landes. Wer ausrutscht, rutscht ein Weilchen. Über die felsige «Flue» rutschen werde er an dieser Stelle hier aber schon nicht, meint Gisler. Jedes zweite Jahr aber mäht er auf einer anderen Plangge, auf die er keinen Reporter mitnehmen würde. Da trägt er die Steigeisen, die er hier nur auf den untersten Metern des Steilhangs braucht, jeweils von Beginn an. Da wird jeder Schritt genau abgewogen, vor jedem Zug einmal ehrfürchtig zum Himmel geschaut. «Das Risiko gehört hier irgendwie einfach dazu», sagt Gisler und zieht die Sense durchs hohe Alpengras. Passieren könne immer was, «ond wennd Schwein hesch, wersch alt».

Dann sagt Gisler eine Weile nichts mehr, mäht sich Meter für Meter über den gefährlich steilen Hang. Keine Kuh würde sich in diese Planggen wagen, auch wenn die Alpenblumen noch so saftig herüberleuchten. Und selbst erfahrenen Wildheuern wie Christian Gisler schmerzen beim «Häiuwen» schon nach kurzem die Füsse ob all der Steilheit, mit der die Hänge hier in die felsigen Abgründe übergehen.

Kurz vor dem Zmittag taucht Gislers Vater plötzlich im Steilhang auf. Augustin «Schtini» Gisler, 79, Alpenfalten im Gesicht, mehr als 65 Jahre Erfahrung als Wildheuer. Seinem tiefblauen Blick weichen die Wolken. Unter strahlender Sonne richtet er sich im Gestrüpp seinen «Dängeli»-Platz ein. «Dängele», die Sense nachbessern mit Hammer, Kraft und Gefühl. Schtini setzt sich auf einen alten Strunk, rammt einen Rechen vor sich in den Boden, bindet den Sensenstil mit Faden am Rechen fest. Die Sense balanciert vor ihm in der Luft, die Hammerschläge auf die Klinge mischen sich mit den zischenden Schneidegeräuschen von der Plangge her. Schtini hat früher Stiere gezüchtet und sie mit Wildheu gefüttert. Er hat jedes Jahr geheut, seit er 13 war, immer, auch als es vom Staat noch keine Unterstützungsgelder gab. Menschen wie ihm ist es zu verdanken, dass sich die alte Wildheuer-Tradition immer noch gibt, auch wenn er das nicht von sich sagen will.

Verändert habe sich in all den Jahren nicht viel, ausser dass das «Häiuwe» seine wirtschaftliche Bedeutung verloren habe und ausser dass man an gewissen Stellen mit der Maschine mähe und ab und dann den Helikopter bestelle, wenn man sich das Hinuntertragen der bis zu 70 Kilo schweren Heunetze, der «Pinggu», ersparen wolle. Heute aber wirds nichts mit dem Heliflug übers Isental. Vater und Sohn Gisler wollen die Pinggu auf traditionellem Weg ins Tal befördern. Mit den mitgebrachten Haken wollen sie die vollen Heunetze an die Drahtseile hängen, die sich wie angerostete Spinnweben über die Planggen hin ins Tal hinunterziehen.

Schtini weiss noch, wie sie sich als Jugendliche selber mit Gurt und Haken an den Drahtseilen festmachten, einen alten Kartoffelsack als Bremshilfe über die Seile schwangen und in halsbrecherischem Tempo von den Planggen her über die Flue hinunter ins Tal sausten, bis dann eines Tages wirklich mal einer, der Martin, den Hals brach und ums Leben kam. Talwärts saust seither nur noch das Heu.

Zwei Pinggu schultert Christian nacheinander, hängt sie an die Haken und schickt sie mit einem Klaps talwärts. Dann ist fürs Erste «gnueg Heu donde». Am nächsten Tag kommen die Gäste zur Preisverleihung auf die nahe Alp Gitschenen und schauen rüber auf die Planggen. Dann will Christian Gisler nochmals hochkommen, mähen, rechen, Pinggu füllen und talwärts sausen lassen. Die Gäste sollen ja sehen, wie das mit dem Wildheuen so geht.

Und während man auf der Alp Gitschenen am Samstag auf die Auszeichnung anstossen wird, beerdigen sie unten in der Urner Ebene in der Pfarrkirche Flüelen den abgestürzten «Axiger Sepp», am gleichen Morgen. Freud und Leid liegen nah beieinander beim Wildheuen.

Doch auch wenn ab und dann wieder einer ausrutscht und über die Felsen hinunter in Gottes Hände fällt und auch wenn sich die Mühe ausser für die Kühe kaum noch für jemanden lohnt: Das Wildheuen wird im Isental nicht aussterben. Christian Gislers sechsjähriger Sohn Elias jedenfalls will auch bald «in die Wildi» steigen. Vorerst übt er noch in flacheren Gefilden und schneidet am Abend, als der Vater von den Planggen steigt, hinter dem elterlichen Bauernhaus Gras. Nicht mit der «Sägäsä» zwar, sondern mit der gelben Küchenschere. Aber schliesslich ist noch kein Wildheuer vom Himmel gefallen.

 

Geld fürs Heu: Das kostet der Landschaftsschutz

Die Stiftung Landschaftsschutz Schweiz (SL) hat die Isentaler Wildheulandschaft zur «Landschaft des Jahres 2016» erklärt und den Isentaler Wildheuern als Anerkennung für ihr «sportliches Wirtschaften in einer vertikalen Kulturlandschaft» 10000 Franken ausbezahlt. Die Wildheuer haben festgelegt, dass jeder 200 Franken erhält. Der Restbetrag geht an ein noch zu bestimmendes Nachhaltigkeitsprojekt.

Der Landschaftsschutz spielt aber nicht nur im Isenthal eine wichtige Rolle. Seit der Jahrhundertwende wird er in der Schweiz grossgeschrieben. 1905 wurde die «Ligue pour la conservation de la Suisse pittoresque» (die Schweizerische Vereinigung für Heimatschutz) ins Leben gerufen, 1909 formierte sich der Schweizerische Bund für Naturschutz (seit 1997 Pro Natura). Was der Landschaftsschutz die Schweiz jährlich kostet, ist schwer zu beantworten, weil zahlreiche staatliche und private Akteure mitmischen. Das zeigt das Beispiel der Isentaler Wildheuer. Sie erhalten Naturschutz- und Landwirtschaftsgelder von Bund und Kanton, profitieren vom Wildheuerförderprogramm des Kantons Uri und kriegen Zustüpfe von privaten Institutionen wie etwa der SL.

Dieser Mix aus Staats- und Privatgeldern steckt in vielen Landschaftsschutzprojekten. Zentral sind die sogenannten Programmvereinbarungen des Bundes: Von 2012 bis 2015 etwa hat das Bundesamt für Umwelt den Kantonen Unterstützungsbeiträge in der Höhe von 5,5 Millionen Franken für den Landschaftsschutz ausbezahlt.

Ein zentraler Landschaftsschutz-Akteur ist der zum 700-Jahr-Jubiläum der Schweiz gegründete Fonds Landschaftsschutz Schweiz. Seit 1991 hat er mehr als 2360 Projekte mit gut 140 Millionen Franken unterstützt, darunter Projekte zum Schutz von Hochstammgärten im Jura oder zur Restaurierung historischer Brücken im Tessin.

Erschienen in der „Aargauer Zeitung“ am 19. August 2016

 

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