Gesellschaft, People, Schweiz

Das Kreuz mit den Streifen

 

Immer mehr Menschen in der Schweiz zählen sich zur eingeschworenen Gemeinschaft der „Chemtrail-Truther“. Sie glauben, am Schweizer Himmel braue sich etwas Grausames zusammen, das uns alle töten könnte.

Serge nimmt eine letzte Gabel Gnocchi, dann kann er nicht mehr. Die Portionen im «Löwen» sind so üppig, dass er sie nicht mal nach acht Stunden Schichtarbeit runterbringt. Er lehnt sich im Stuhl zurück und schaut in den Regenhimmel über Affoltern am Albis. Dort oben, sagt er, seien die Chemtrails, die chemisch angereicherten Kondensstreifen, mit denen die Flugzeuge den Himmel wie mit einem Giftnetz überziehen. Sehen kann man sie heute nicht, wegen der Regenwolken. Über und in den Wolken aber, da werde kräftig gesprüht, sagt Serge.

Doch der Reihe nach. Serge, 40, Papiertechnologe, ruhige Stimme, weiss ja, dass das alles wie ein Hammer wirkt, wenn man es zum ersten Mal hört. Er selbst hat das Geschwätz über Chem- trails auch lange nicht geglaubt. Als dann 2008 die Finanzkrise kam, traute er der globalen Elite nicht mehr. Er hat sich in drei Wochen alles reingezogen, was er im Internet über Chemtrails und an- dere «sogenannte Verschwörungstheorien» finden konnte. Er wurde zum Gläubigen. Und heute, sagt Serge: «Heute glaube ich nicht mehr. Heute weiss ich, dass es Chemtrails gibt.»

Das Spiel mit dem Wetter

Serge ist überzeugt davon, dass über Europa seit 2001 Flieger kreisen, die Chemikalien und Metallpartikel in die Atmosphäre sprühen. Ursprünglich habe es dazu spezielle Flugzeuge gegeben. Heute seien auch normale Airliner Teil der Verschwörung. Das chemische Gemisch, sagt Serge, werde dem Kerosin beigemischt und lande in den Kondensstreifen. Dahinter stecke die Nato, oder vielleicht die USA, im Auftrag von Rüstungsfirmen und der Pharmaindustrie. Dass sie das machen, erzählt Serge, habe militärische Gründe. «Vielleicht wollen sie die Bevölkerung dezimieren, oder die Sonneneinstrahlung auf die Erde reduzieren, damit die Menschen zusätzliche Vitamin-D-Präparate schlucken müssen.»

Serge ist seit neun Jahren nicht mehr geflogen. Bei der chemischen Vergiftung der Atmosphäre will er nicht mitmachen.

Die Chemtrail-Verschwörungstheorie gibt es seit den 90er-Jahren. Damals tauchte ein Strategiepapier der USAir Force auf mit dem Titel «Das Wetter kontrollieren bis 2025». Darin äusserten sich Experten zu Mitteln, mit denen man Wetterphänomene beeinflussen könnte. Das Dokument gilt den Chemtrail-Verschwörern als Beleg dafür, dass sich der «militärisch-industrielle Komplex» aus mächtigen Armeekreisen und Industrie-Multis gegen die Menschheit verschworen hat und in die meteorologischen Geschehnisse über unseren Köpfen eingreift. Informationen über das Programm, glauben die «Chemtrail-Truther», würden absichtlich zurückgehalten.

Wissenschaftliche Beweise für diese Theorie gibt es nicht. In einer 2016 von Stanford-Professor Ken Caldeira veröffentlichten Umfrage unter 77Atmosphärenwissenschaftern und Chemikern gaben 76der Befragten an, dass es keinerlei Hinweise auf Manipulationen der Atmosphäre durch irgendwelche Chemtrails gebe. Das Bundesamt für Zivilluftfahrt bezeichnet die Theorie als «unhaltbar» und Meteo Schweiz sagt zum Vorwurf, das Chemtrail-Programm zu verschweigen: «Als Meteorologen und Klimatologen weisen wir den Vorwurf vollumfänglich zurück.» Die Swiss teilt der «Schweiz am Wochenende» mit, sie äussere sich nicht zu solchen Theorien, und die Flugüberwachungsfirma Skyguide erinnert daran, dass jedes nicht identifizierbare Flugzeug am Schweizer Himmel durch die Luftwaffe abgefangen würde.

Serge kann das alles nicht beruhigen. Er nimmt doch noch mal eine Gabel der kaltgewordenen Gnocchi und sagt: «Ich brauche keine Beweise, ich muss nur in den Himmel schauen. Dann weiss ich, was läuft.» Früher, als Kind, fand er die Streifen noch lustig. Er wollte, dass die Flugzeuge mehr davon machten. Heute aber mache es ihn nur noch traurig, wenn er am Türlersee in die Sonne liegen wolle und sehe, «wie sie über mir den Himmel zuziehen».

Doch Serge will nicht klagen, er will etwas verändern. Deshalb hat er mit einem Dutzend Gleichgesinnter 2012 die Interessengemeinschaft Blauer Himmel gegründet. Ihr Ziel: «Aufwecken. Und glaub mir, viele wachen auf.» Serge schätzt, dass es in der Schweiz etwa 100000 Chemtrail-Anhänger gebe. Und es kämen immer mehr dazu.

Eine davon ist die Baslerin Fatima Baumgartner. Sie sei ein «sonnenbedürftiger» Mensch, lacht die 22-Jährige ins Telefon. «Und da haben mich die Streifen am Himmel zusehends aufgeregt.» Deshalb hat sie sich in der Vertiefungsarbeit während ihrer Ausbildung zur Fachangestellten Gesundheit mit dem Thema Chemtrails auseinandergesetzt. Sie ging in ein Labor und liess eine Regenwasserprobe auf Aluminiumrückstände testen. «Wenn immer mehr Steuerzahler an Chemtrails glauben, dann müsste doch auch der Bund solche Messungen machen», findet sie.

Doris Leuthards Brief

Das schrieb die Baslerin der Umweltministerin Doris Leuthard. Die Bundesrätin antwortete, dass Aluminium von Natur aus in der Erdkruste vorkomme, dass es auch in industriellen Anwendungen eingesetzt werde und über das Abwasser in die Umwelt gelangen könne. «Als Umweltministerin versichere ich Ihnen, dass keine Anhaltspunkte für das systematische Versprühen gesundheitsschädigender Substanzen im Schweizer Luftraum existieren», schrieb Leuthard. Zufrieden ist Baumgartner damit nicht. Kürzlich filmte sie auf einem Flug «verdächtige» Kondensstreifen, die aus den Düsen strömten. Am liebsten möchte sie gar nicht mehr richtig hinschauen. «Irgendwann wird man sonst völlig gaga», sagt sie. «Und was nützt es denn, wenn ich gegen Goliath ‹gohne go Chörnli zämepicke›?»

Giftige Kondensstreifen, saurer Regen, verlorenes Vertrauen: Die Chemtrail-Truther glauben, irgendjemand trachte ihnen heimlich nach dem Leben.

Zurück im «Löwen» in Affoltern am Albis. Serge schüttelt den Kopf. Nein, eine überhastete Revolution gegen Goliath, das wolle auch er nicht. «Was wir aber brauchen, das ist der Kampf um die Informationen.» Wenn die Regierung nicht handle, dann müsse der «Aufweckprozess» eben über die Bevölkerung gehen. Serge redet schneller als am Anfang des Gesprächs. Die Stimme aber bleibt ruhig, die grossen Hände fuchteln nicht. Da sitzt keiner, der Verschwörungstheorien als Ventil braucht, um angestauten Frust abzulassen. Da sitzt einer, der tief betroffen ist über das Leid, das verschworene Kreise seiner Meinung nach der unwissenden Masse antun wollen. Einer, der aus Gerechtigkeitssinn gegen etwas aufstehen will, von dem rund 99Prozent der Bevölkerung überzeugt sind, dass es gar nicht existiert.

Manchmal, das gibt Serge zu, beschlichen ihn Zweifel. «Wenn die Sprüher richtig Gas geben, und ich mich damit beruhigen muss, dass das gar nicht sein kann.» Wenn er mal mit Experten hinter einem der «Chemtrail-Flieger» herfliegen und bei der Messung der Luftwerte dabei sein könnte, dann würde er seine Meinung vielleicht ändern, sagt Serge. Seit neun Jahren ist er nicht mehr geflogen. Nicht wegen der Chemtrails, sondern wegen seiner Kontrollverlustangst. Serge kann den Gedanken nicht ausstehen, dass er nicht alles im Griff hat. Da bleibt er lieber am Boden.

Erschienen in der „Schweiz am Wochenende“ am 11. März 2017.

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