Politics, Schweiz

Der Krieger

 

Manfred Küng will für die SVP in den Solothurner Regierungsrat. Er wirbt mit zweifelhaften Videos und russischem Akzent. Zu Besuch bei einem der knorrigsten Exzentriker im helvetischen Politbetrieb.

Das Haus ist umstellt. Hunderte Rebstöcke stehen stramm im Garten und recken die knorrigen Ärmchen in den Kriegstetter Himmel. «399 sind es», sagt Manfred Küng. Ab 400 gibts einen Eintrag ins Rebkataster – und das bedeutet Bürokratie. Bürokratie aber will der Kriegstetter Gemeindepräsident nicht. Er hasst sie, er bekämpft sie, auch in seinem Wahlkampfvideo, in dem er sich der Solothurner Wählerschaft derzeit als Regierungsratskandidat präsentiert.

Im Video sieht man eine digitale 3-D-Version von Küng, der sich wie in der Player-Auswahlgalerie eines Ego-Shooter-Games ruckartig um die eigene Achse dreht. Aus dem Off ist die Stimme einer Frau zu hören, die Küng mit russischem Akzent als Kämpfer gegen die Bürokratie anpreist und gegen die Beamtenschaft wettert. Links im Bild ein wachsender Stapel Papierformulare, rechts der digitale Küng, der sich unbeirrt weiterdreht.

Mit exakt demselben Video hat Küng 2015 für den Nationalrat kandidiert. Geklappt hats nicht. Damals sei er eh nur Wasserträger für seine Partei, die SVP, gewesen, sagt Küng und lehnt sich in seinem Bürostuhl zurück. Unter dem orangen Odlo-Shirt lugt ein roter Gurt hervor, darauf goldene Kühe. Am Arm trägt Küng eine Smartwatch, die jedes Mal trällert, wenn er ein E-Mail oder einen Anruf erhält. Doch Küng lässt sich nicht ablenken. In anderthalb Stunden hat er den nächsten Termin. Wo, das weiss er nicht genau, er habe kein «Termin-Hirni», sagt der Anwalt, der mit seiner Kanzlei an sechs Standorten in der Schweiz präsent ist.

Verbale Schläge

Als Anwalt hat der Wasserträger kürzlich seinen Parteifreund Christoph Mörgeli verteidigt, nachdem dieser aus dem Medizinhistorischen Museum der Uni Zürich rausgeworfen wurde. Und wenn man Küng gegenübersitzt und ihm so zuhört, dann scheint es, als habe er sich bei seinem Intimus Mörgeli ein paar rhetorische Tricks abgeschaut. Das leicht verzerrte Lächeln, das kurze Abdriften in hohe Stimmlagen, wie um einer Aussage durch die tonale Verschiebung mehr Gewicht zu verleihen, der scharfe Blick, der so gar nicht zum Lächeln passt…

Politisches Vorbild aber ist Mörgeli nicht, auch nicht «Dr. Blocher», schon gar nicht Ueli Maurer. Viel eher Otto von Bismarck und Kardinal Richelieu, sagt Küng. Die hätten gekämpft gegen Trägheit, hätten sich nicht gescheut vor der Provokation. «Man muss auch mal mit dem Stock auf den Boden schlagen, damit die Schlangen die Köpfe heben», zitiert Küng den chinesischen General Sun Tsu.

Und mit verbalen Stöcken schlagen, das kann Küng. Zum Beispiel, wenn er den AZ-Verleger Peter Wanner als «Medienzar» beschimpft und ihm vorwirft, mit seinen Journalisten in habsburgischer Manier die Politik zu «manipulieren»; wenn er die «Nordwestschweiz» als «Prawda des Freisinns» abstempelt und einer Redaktorin der Solothurner Zeitung vorwirft, sie habe ihr Handwerk in den Propagandaschmieden sowjetischer Verlage erlernt; wenn er für eine Festschrift der kantonalen SVP Bilder von Profi-Fotografen klaut und sich danach standhaft weigert, die gestellte Rechnung zu bezahlen; oder wenn er die Reaktionen auf diese Provokationen als Ausdruck «überentwickelter Empfindlichkeiten» abtut und seinen Gegenübern vorwirft, sie fühlten sich doch bloss in ihrem «trägen Vor-sich-Hinplätschern» gestört.

Putin und das Bier

Der Anwalt, der die politische Elite des Landes vor Gericht verteidigt, der Parteisoldat, der aus den niederen Rängen der Politik ausbrechen und in die Kantonsregierung will, der Winzer, der seinen Wein «Regent von Kriegstetten» nennt: Er hält nichts von diplomatischen Phrasen, er schiesst schnell und scharf, ohne Vorwarnung. Und nach der Schussabgabe versucht er, mit langen juristischen Belehrungen und historischen Verklärungen den Rauch aus der Luft zu wedeln, bis die Luft wieder rein und die Angeschossenen wieder versöhnlich gestimmt sind. Das scheint bei ihm, dem «Regenten», System zu haben.27

Manchmal aber hält sich der Rauch hartnäckig in der Luft. Manchmal, da nützt alles Wedeln nichts, da kann auch Küngs nuancierte Rede nicht über seine radikalen Haltungen hinwegtäuschen. Dann zum Beispiel, wenn er anfängt, Sätze über die völkerrechtliche Legitimität der Krim-Annexion durch Russland im Jahr 2014 in die Welt hinauszuschiessen.

Auf seiner Homepage hat der Anwalt mehrere Videos aufgeschaltet, in denen er versucht, der scharfen Kritik des Westens an Russlands Invasion in das ukrainische Territorium entgegenzutreten. Es sei alles nicht so einfach, sagt Küng in den Videos, und wühlt in historischen Tiefen nach Erklärungen, die den russischen Krim-Krieg rechtfertigen könnten.

Anwalt Küng ein Pro-Putin-Polterer? Zum russischen Präsidenten wolle er sich nicht äussern, sagt Küng. «Putin hat mir noch nie ein Bier bezahlt. Wie soll ich also sagen können, was ich von ihm halte?» Stahlblauer Blick, kurzes Schweigen. Dann kommt die nuancierte Rede: Wenn vorne im «Sternen» einer Putin als Bösen beschimpfe, dann sei das Stammtischgerede, dann gehe das. «Wenn aber Funktionäre der Bundesverwaltung so etwas sagen und schwarze Listen erstellen mit russischen Vertretern drauf, die wegen der Krim-Sache nicht mehr in die Schweiz einreisen dürfen, dann ist das schon heikler.»

Liebesbrief und Nazis

Die Schweiz habe Russland nämlich viel zu verdanken. Ohne den russischen Zaren, der sich am Wiener Kongress 1815, als sich Europa nach den napoleonischen Kriegen neu zu ordnen versuchte, für die schwache Schweiz eingesetzt habe, gäbe es uns heute kaum in dieser Form. «Ohne die Russen hätte es mit der Schweiz ‹lätz› gehen können», sagt Küng – mit tonaler Verschiebung und leicht verzerrtem Lächeln.

Müssen wir den Russen wegen dieser historischen Schuld denn gleich Hand bieten? Nicht direkt, sagt Küng. Aber Putin, diese «faszinierende Figur», der «kluge Spieler», der schreibe jetzt gerade Geschichte. Und der denke in langen Zeiträumen. Und in politischen Situationen wie der jetzigen müsse man sich einfach wieder bewusst werden, dass einen die Geschichte immer wieder einholt. Sein Lehrer habe damals gesagt: «Wenn du einen Liebesbrief schreibst, bedenke, wie er sich auf dem Tisch des (Scheidungs-)Richters liest», sagt Küng.

Das gabs in der Schweiz schon einmal, dieses Denken, dass man sich in Vorbereitung auf etwaige machtpolitische Veränderungen in Europa frühzeitig in apolitischen Opportunismus verkriecht und das Land nach dem Gusto des übermächtigen Gegenübers neu polt. Im November 1940 war das. Damals war das übermächtige Gegenüber Nazi-Deutschland, dem man sich – so forderten es die konservativen Kräfte hinter der «Eingabe der Zweihundert» – rechtzeitig anpassen sollte, um bei einem Einmarsch der Nazis nicht als feindliche Nation behandelt und gewaltsam niedergeschmettert zu werden.

Heute also, so schimmert es zwischen Küngs Argumenten hindurch, wärs mal wieder Zeit für solche Vorbereitungen, für einen politischen Frühlingsputz. «Wir müssen aufpassen, was wir sagen, wie wir Stellung beziehen», sagt Küng. «Wir müssen die Sache weniger mit dem Herzen und mehr mit dem Kopf betrachten.» Die Reaktion auf die Krim-Krise, die sei nicht «z’Bode dänkt» gewesen. Deshalb sei es jetzt Zeit für «politische Massnahmen zur Korrektur. Die Funktionäre in Bern müssen aufwachen, nicht vor sich hinpennen», sagt Küng. «Alles andere kann der Schweiz schaden.» Manchmal, sagt Küng, sei es gescheiter, man sage nichts statt das Falsche. Man könnte das als Votum für politische Neutralität verstehen – oder man könnte es als gefährlichen Opportunismus benennen. Doch das wäre dann wieder nur Ausdruck einer «überentwickelten Empfindlichkeit».

Ein Foto zum Schluss, dann muss Küng zu diesem Termin, von dem er nicht genau weiss, wo er stattfindet. An der Hausfassade, vor der Küng posiert, hängt der Schädel eines Wasserbüffels. Wasserbüffel, ein Hobby von ihm. Genau wie das völkerrechtliche Debattieren. Küng will, dass Schweizer Bauern vermehrt auf Wasserbüffel setzen. Weniger Fett, mehr Protein und zarteres Fleisch als Rinder.

Und noch einen Unterschied gibt es: Wasserbüffel muhen nicht. Sie schnauben.

Erschienen in der „Aargauer Zeitung“ am 27. Februar 2017.

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