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Schicksal spielen in Biafra

Der Schaffhauser Nuot Ganzoni operierte als junger Chirurg Kämpfer im Biafra-Krieg. Bis heute plagen ihn Bedenken, ob sein Einsatz richtig war.

An seinem ersten Tag ist keiner gestorben. Es war ein Donnerstag im Februar 1969, heiss wie immer in Biafra. Nuot Ganzoni stand im kleinen Operationssaal des alten Missionsspitals im Dorf Aboh und flickte gemeinsam mit vier Berufskollegen jene zusammen, die der Krieg tagein, tagaus aufs Neue zerfetzte. Rückenschuss, Thoraxschuss, zerschossener Kiefer, Oberschenkelschussfraktur, alles im schummrigen Licht des Operationssaals, alles am ersten Tag. «Es war so heiss, dass wir den Ärztekittel auf dem nackten Oberkörper trugen», erzählt der 86-jährige Schaffhauser. «Kein Hemd, nur Kittel und Handschuhe.»

An jenem Donnerstag war es knapp zwei Jahre her, dass sich die Region Biafra im Südosten Nigerias von ihrem Mutterland abgespaltet und ihre Unabhängigkeit ausgerufen hatte. Sieben Jahre zuvor, im Oktober 1960, hatte Grossbritannien Nigeria in die Freiheit entlassen. Wie in den meisten der 18 afrikanischen Staaten, die im Schicksalsjahr 1960 von ihren ehemaligen Kolonialmächten ihre Unabhängigkeit erlangten, brachen auch in Nigeria wüste Kämpfe um die politische Vorherrschaft aus. Die im Süden lebenden Igbo fühlten sich von den im Norden lebenden Haussa unterdrückt. Mit der Ausrufung der Republik Biafra vor genau 50Jahren versuchten sie, ihr Schicksal in die eigenen Hände zu nehmen.

Nuot Ganzoni hat im Biafra-Krieg 1969 verwundete Kämpfer verarztet.

Es folgte das übliche afrikanische Bürgerkriegsdrama: blutige Schlachten, Hunderttausende Tote, brutale Aushungerungstaktik durch das übermächtige Mutterland. Im Frühjahr 1969 zog Nigeria die Schlinge um Biafra täglich enger. Der Krieg wütete, und das Rote Kreuz suchte mit Hochdruck nach Ärzten, die sich für einen humanitären Einsatz in der umkämpften Republik zur Verfügung stellen würden.

Stöhnend, hoffend, sterbend

Nuot Ganzoni war 38 und hatte eben als Chef am neuen Zentrum für Verbrennungschirurgie am Unispital Zürich angefangen. Er meldete sich freiwillig. Seine Frau und seine Mutter gaben grünes Licht. Der Gedanke an seine vier Kinder brachte ihn kurz ins Zögern.

Doch sein Wille, die Aufgabe anzunehmen, war stärker. «Ich war durch meine Ausbildung und meine militärische Laufbahn darauf vorbereitet und gebannt von der Kriegschirurgie», erzählt Ganzoni in einem Café unweit seiner damaligen Wirkungsstätte. Doch etwas habe ihn umgetrieben: «Ich habe mich immer wieder gefragt, ob ich mich bewähren oder ob ich scheitern würde.» Der junge Chirurg behielt diese Gedanken für sich. Als er Mitte Februar in Genf mit seinem Team und 44 Kisten voller medizinischen Materials in die DC-7 stieg, wusste niemand ausser er davon.

Verschwunden waren die Zweifel auch nicht, als Ganzoni im umstellten Biafra ankam und sich vom lokalen Chefchirurgen Major Kalu durch das alte Missionsspital in Aboh führen liess. An der in Kisten abgepackten «medizinischen Übermacht», mit der sein Team angerückt war, konnte die Mission zwar nicht scheitern. Ganzonis kriegschirurgische Kenntnisse aber waren zu dem Zeitpunkt rein theoretisch. Er hatte Fachbücher gelesen über Notfallchirurgie im spanischen Guerra Civil und über chirurgische Eingriffe im Koreakrieg. Operiert aber hatte er ausserhalb der Hightech-Welt helvetischer Spitäler noch nie.

Sein neuer Wirkungsort war in drei Hauptteile gegliedert. Da war die halb offene Halle, wo die Verletzten direkt von der Kriegsfront angeliefert wurden, oft auf Lkw-Ladeflächen, abgeladen auf den nackten Hallenboden, stöhnend, hoffend, sterbend. Als «Stätte des verdichteten Elends» beschrieb Ganzoni die Ankunftshalle in einem der 21 Briefe, die er während seines dreimonatigen Biafra-Einsatzes an seine Frau schickte. «Hier lagen sie, voller Krusten und Schmutz, Blut und Schweiss» tippte der junge Familienvater auf seiner Schreibmaschine. «Ich schaute regelmässig in der Halle vorbei und ordnete die Patienten nach Schwere der Verletzung. Ich spielte Schicksal inmitten des Elends», erzählt Ganzoni. «Ich musste schnell entscheiden, für übermässiges Mitleid blieb keine Zeit.»

Der rettende Schuss

Angrenzend an die Ankunftshalle lag der Operationssaal, vielleicht 40Quadratmeter gross, zwei Operationstische und eine Bahre, die als notdürftiger dritter Operationstisch diente. Das war sein Reich, hier galt sein Wille, hier geschahen – inmitten des Elends – immer wieder kleine Wunder.

An manchen Tagen operierten Ganzoni und sein Team mehrere Dutzend zerfetzte Krieger. Am Osterwochenende waren es binnen 32 Stunden 97 Operationen. Manche Opfer hatten nur geringfügige Verletzungen, zum Beispiel Durchschüsse in der linken Hand. «Das reichte, um von der biafranischen Autorität als nicht kriegs- fähig eingestuft zu werden», erzählt Ganzoni. «Die meisten Handdurchschüsse waren Selbstverstümmelungen.» Eine Hand für die Freiheit: aus Sicht der verzweifelten Biafraner ein verkraftbares Opfer.

Nuot Ganzoni hat im Biafra-Krieg 1969 verwundete Kämpfer verarztet.

Nuot Ganzoni hat im Biafra-Krieg 1969 verwundete Kämpfer verarztet. / P. Renkewitz, IKRK

Und dann waren da die schweren Fälle, die Bauchverletzungen, Ganzonis Spezialgebiet. Er hat Buch geführt über die Eingriffe. Genau 100 waren es, 77überlebten. Ganzoni lehnt sich vor und bittet um Stift und Papier. Dann zeichnet er: einen durchtrennten Darm. Das Organ habe – grob gesagt – zwei Wände. Wenn man einen zerrissenen Darm flicken müsse, dann reiche es theoretisch, die beiden Wände in einer Nahtreihe zu fassen. Ganzoni kritzelt. «In Zürich haben wir natürlich trotzdem beide Wände separat genäht. In Biafra lag das nicht drin.»

Wer die Operation überlebte, wurde in einen der drei «Wards» verlegt. Anfänglich hatte jeder ein Bett, bald lagen die Operierten auch zwischen und neben und unter den Betten. Raum und Zeit, das waren Formen des Luxus, die in diesem Krieg keinen Platz hatten – auch im Leben der Kämpfer nicht. Allzu oft entflohen sie den «Wards» lange vor ihrer Heilung, gingen zurück an die Front, zurück ins Verderben. Stoppen liessen sie sich nicht.

Und Ganzoni plagte der Gedanke, dass er mit seinen chirurgischen Eingriffen womöglich nichts anderes tat, als verletzte Körper wieder kampffähig zu machen und zu helfen, einen längst verlorenen Krieg in die Länge zu ziehen. War es gar ein Fehler, dieser Biafra-Einsatz? Hätte er gar nie hinfliegen und helfen sollen? Wäre es … «Keine Wäre- und ‹Hätte-Fragen», unterbricht der pensionierte Chirurg. «Die führen nirgendwohin.»

Kultische Fleischeslust

Orangensaft und kurzes Schweigen. Dieser Krieg ist jetzt weit weg. Und irgendwie war er es auch damals. Die Arbeit hat ihn eingenommen, er hat operiert, oft bis zur Erschöpfung. Da war kaum Raum für Gedanken an den Kampf, der vor den Türen ablief. Klar, die versehrten Körper, die der Krieg in die Aufnahmehalle des Spitals spülte, das waren Zeugen der Gräuel, die sich in den waldigen Weiten jenseits der Spitalpforten abspielten. Und die Erzählungen der Söldner, die hie und da im Spital vorbeischauten – etwa vom Franzosen «Armand, qui tue froidement» –, erinnerten an den Horror, den sich die Kämpfer antaten.

Bedrohlich aber war das nicht. Ganzoni war der Menschenmechaniker abseits des blutigen Getümmels, der rastlose Lebensretter, der den Blick in die Abgründe dieses Krieges vermied. Er hätte nur abgelenkt. «Angst? Ich glaube, die hatte ich nie», sagt er. Ausser vielleicht dieses eine Mal, als ein nigerianischer Kampfflieger sein Feuer auf das Spital gerichtet hatte. Ganzoni duckte sich reflexartig unter den Operationstisch. Der narkotisierte Patient blieb oben liegen. Passiert ist nichts.

Ab und an verliess er das Spital und schwärmte aus ins Unvertraute. Da war das Bad im glasklaren Fluss; der Besuch einer Blutspende-Veranstaltung, an der Biafraner ihren Lebenssaft gegen Stockfisch eintauschten; ein Dorfmarkt, an dem «win the war meat» auf der Fleischertheke auslag. «win the war meat»: Den Unglückseligsten unter den Kriegsversehrten drohte unweit des Spitals ein grässliches Schicksal, das Ganzoni heute eigentlich nicht in Worte fassen möchte. Nur so viel: Der Glaube daran, durch Verspeisen des Gegners sich dessen Kampfeskraft einzuverleiben, war wohl weit verbreitet. Einer seiner Operationsgehilfen von damals bestätigte ihm seine dunkle Ahnung. Die Daumenballe, erzählte der Gehilfe, sei besonders schmackhaft.

Jahre später – Ganzoni arbeitete als Chefarzt im Kantonsspital Schaffhausen – stand plötzlich ein Herr aus Nigeria vor seiner Tür. Ganzoni erkannte Major Kalu, seinen biafranischen Chirurgenkollegen, kaum wieder. «In Biafra trug er immer seine Militäruniform. Ich hatte ihn nie in zivilen Kleidern gesehen», erzählt Ganzoni. Der Besuch kam ohne Voranmeldung, Ganzonis Tagesplan war prallvoll. Es blieb beim kurzen Schwatz. Major Kalu, hoffte Ganzoni, würde das verstehen. Manchmal aber quält ihn das schlechte Gewissen heute noch, sich den Luxus der Zeit damals nicht gegönnt zu haben.

Erschienen in der „Schweiz am Wochenende“ am 3. Juni 2017

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