Äthiopien, Politics, Reportage

Mit Lucy gegen gelbe Riesen

Chinas Engagement in Äthiopien steht beispielhaft für den neuen Kolonialismus, der Afrika heimsucht. Äthiopien könnte profitieren. Doch es regt sich Widerstand gegen die wirtschaftliche Vergewaltigung durch das fernöstliche Riesenreich.

Es dauert eine Weile, bis Herrn Wangs Smartphone fokussiert. Das Licht im Untergeschoss des äthiopischen Nationalmuseums in Addis Abeba ist schummrig, die Schaukästen düster. Herr Wang zoomt näher ran und drückt ab. Sein Sujet: Lucy, das Skelett des weiblichen Urmenschen, der vor 3,2 Millionen Jahren im äthiopischen Rift Valley gelebt und die äthiopische Regierung zum neuen Tourismus-Slogan «Land of Origins – Land der Herkunft» verleitet hat.

Herr Wangs Smartphone hat im düsteren Keller des Äthiopischen Nationalmuseums Mühe, auf Lucy zu fokussieren.

Herrn Wangs Landsleute erschienen erst sehr lange nach Lucys Ableben am Horn von Afrika. Der erste Kontakt zwischen der Region und dem Reich der Mitte fand im Jahr 6 nach Christus statt, als ein im Gebiet des heutigen Äthiopien gefangenes Nashorn als lebende Attraktion nach China verschifft wurde. Heute gehen die Waren mehrheitlich in die entgegengesetzte Richtung. 2015 lieferte China Kleider, Maschinen und Elektrogeräte im Wert von 3,4 Milliarden Dollar nach Äthiopien; mit 104 Millionen Einwohnern und einem Bevölkerungswachstum von jährlich 2,5 Prozent ein attraktiver Absatzmarkt für Billigwaren aus dem Fernen Osten.

China in Mussolinis Fussstapfen

Aus chinesischer Sicht ist der gewaltige Warenstrom aber erst der Anfang einer Güterflut, mit der man den äthiopischen Markt in den kommenden Jahren überschwemmen will. Noch in diesem Sommer soll eine neue Eisenbahnlinie zwischen Addis Abeba und dem Meerhafen im benachbarten Dschibuti, über den Äthiopien zwei Drittel seines Aussenhandels abwickelt, in Betrieb genommen werden. Gebaut wurde die Eisenbahnlinie von zwei chinesischen Staatsbetrieben, finanziert von drei chinesischen Banken. Sie ist Teil der chinesischen Initiative «One Belt, One Road», mit der das Riesenreich seine Handelsbeziehungen zu weit entfernten Märkten verbessern will.

Die stille Übernahme des äthiopischen Marktes durch den gelben Riesen geht nicht unbemerkt an den Einwohnern des grössten Binnenlands der Erde vorbei. Samson, der in Addis Abeba als Touristenführer arbeitet, sitzt in der neuen Hochbahn, die über die Wellblechdächer der Vier-Millionen-Metropole schwebt. «Auf jedem Gerät, das du in diesem Land findest, steht ‹Made in China›, auch diese Bahn hier: ‹Made in China›. Die Chinesen fluten Äthiopien mit ihren Maschinen. Und vor allem mit billigem Fashion-Ramsch», sagt Samson und zeigt auf seine Sneakers. «Alles Fake!» Das sei ungesund, meint der 28-Jährige. «Aber was sollen wir tun? Wenn wir unser Land wirtschaftlich voranbringen wollen, haben wir keine Wahl. China ist der grosse Partner, der uns aus dem Loch hilft.»

Samson (28) sieht die chinesische Präsenz in seiner Heimat kritisch. „Die Chinesen sind die neuen Italiener“, sagt der Tourguide aus Addis Abeba.

Dann senkt Samson die Stimme. Äthiopien, sagt er, sei das einzige Land Afrikas, das nie kolonialisiert wurde – mit Ausnahme der paar Jahre in den 30ern und 40ern, als Mussolinis Faschisten hier Fuss zu fassen versuchten. «Und jetzt brechen wir mit unserer Geschichte und werfen uns den Chinesen zu Füssen. Das ist doch Verrat an uns selbst.»

Chinas Engagement in Äthiopien ist nicht neu. Schon Anfang der 70er-Jahre baute der gelbe Riese hier Fussballstadien. Die Unterstützung hatte ideologische Gründe. Man hoffte darauf, die Äthiopier für die kommunistischen Ideale gewinnen zu können.

Halb so teuer wie Bangladesch

Heute sind Chinas Annäherungsversuche an das mausarme ostafrikanische Land kapitalistisch motiviert: Peking will Absatzmärkte erschliessen, Konsumenten binden und neuerdings auch Produktionspotenziale ausloten. Eine Art Testbetrieb ist die vor sieben Jahren eröffnete «Eastern Industry Zone» östlich von Addis Abeba, wo Arbeiter Schuhe der chinesischen Marke Huajian und Motoren für Lifan-Autos zusammenbauen. Die strengen äthiopischen Arbeitsgesetze garantieren, dass in den Fabriken ausschliesslich Einheimische angestellt werden. Als Ausländer darf hier nur arbeiten, wer spezielle, in Äthiopien gefragte Qualifikationen mitbringt. Ein «Inländervorrang», wie ihn sich bürgerliche Kreise in der Schweiz sehnlichst wünschen.

So sehen die allermeisten Überlandstrassen in Äthiopien aus – noch. China will die meisten von ihnen ausbauen.

Chinas Ausschau nach günstigen Produktionsstandorten in Afrika kommt Äthiopien gerade recht. Jeder fünfte hier ist arbeitslos, der Durchschnittslohn mit 619 Dollar pro Jahr tief wie kaum irgendwo auf der Welt. Das spricht sich langsam herum bei den internationalen Produzenten, die stets auf der Suche sind nach billigen Arbeitskräften. Erst kürzlich haben holländische Unternehmer am Ufer des Sees Ziway eine riesige Gewächshaus-Kolonie aufgestellt, in der 17000 Angestellte Rosen züchten. Ein Arbeiter verdient hier 40 Birr am Tag (rund 1.70 Franken): etwa halb so viel wie ein Schneider in den Sweatshops in Bangladesch.

Sie stellen keine Fragen

Ein paar Kilometer nördlich des Ziway beginnt die neue, sechsspurige Autobahn, sie verbindet die südlich liegende Provinzstadt Adama mit Addis Abeba. Gebaut und finanziert haben sie – natürlich – die Chinesen. «So schnell und günstig wie sie ist sonst niemand, schon gar nicht die Europäer, die hier ebenfalls seit Jahren Strassen bauen», sagt Fitsum Gezahegne. Er sitzt mit einer Gruppe Journalisten in einem Mercedes-Minibus und braust über die verregnete Autobahn.

«Aus äthiopischer Sicht haben die Chinesen noch einen Vorteil: Sie stellen keine Forderungen und kaum Fragen», sagt Fitsum. Anders als etwa europäische Investoren, die ihre Hilfeleistungen von der Einhaltung der Menschenrechte oder der Bezahlung fairer Löhne abhängig machten, seien diese Dinge den Chinesen gänzlich egal. Sie bauen einfach, ohne Kritik an den Umständen zu üben. «Das weckt natürlich auch Ängste. Man fragt sich, wie weit sie gehen würden, um ihre Ziele zu erreichen», sagt Fitsum. Auf dem Trennstreifen in der Mitte der Autobahn blühen Oleander. Am Strassenrand machen «Buckle up!»-Schilder auf die Anschnallpflicht aufmerksam. Rechts taucht ein riesiges Fabrikgelände mit der Aufschrift «Jin Bei Motors China» auf.

Die halb verschlossenen Eingangstore der „China Seventh Railway Group“, die an der neuen Eisenbahnlinie zwischen Addis Abeba und der Küste in Dschibuti mitgebaut hat.

Autos sieht man hier auf der bislang einzigen Autobahn des Landes praktisch keine. Äthiopien hat die geringste Auto-pro-Kopf-Dichte der Welt. Autos – auch halb kaputte Occasionen – gelten offiziell als Luxusgüter und werden mit einer 200-prozentigen Einfuhrsteuer belegt. Das kann sich nur jeder 500. Äthiopier leisten.

Lucys Geheimnis

Nach 85 Kilometern endet die Autobahn in den südlichen Vorstadtquartieren von Addis Abeba. Hier werden derzeit Hunderte neue Wohnblocks gebaut, um die rasant wachsende Bevölkerung unterbringen zu können. Auch einzelne Hotelanlagen entstehen am Stadtrand. Äthiopien investiert viel Geld in die touristische Infrastruktur. Der Tourismus, so die Hoffnung, soll das Land wirtschaftlich unabhängig machen und aus der bedrückenden Umarmung der chinesischen Wirtschaftsmacht befreien. Statt der heute 850000 sollen bis 2020 jährlich drei Millionen Touristen das Land besuchen. Die Landschaften dazu hätte der bitterarme Staat. Auf einer Fläche 27-mal so gross wie die Schweiz versammeln sich Regenwälder, aktive Vulkane, wilde Gebirgsketten und unberührte Steppen.

Und dann ist da natürlich Lucy, der Urmensch, die 3,2 Millionen Jahre alte Stammesmutter unserer Spezies. Eine Attraktion. Herr Wang betrachtet das Foto des Lucy-Skeletts auf seinem Smartphone und nickt. Was der chinesische Geschäftsmann nicht weiss: Lucys echte Knochen liegen gut geschützt in einem Safe im Keller des Museums. Die Knochen in der Vitrine vor ihm sind Replika aus Gips. Sie sind Fake – und Herr Wang hat es nicht einmal bemerkt.

Auch die Sidaama im Hinterland Zentraläthiopiens können den Krallen Chinas nicht entkommen. Ihren traditionell zubereiteten Kaffee reichen sie in Plastikbechern, „made in China“.

Erschienen in der „Schweiz am Wochenende“ am 27. Mai 2017.

 

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