China, Reisen, Reportage

Wandern auf wilden Drachen

Die Chinesische Mauer ist das grösste Bauwerk der Menschheitsgeschichte – und ein einzigartiger Trekkingpfad.

Herr Wu weiss nicht, was er ohne die Mauer tun würde. Er hat es sich nie überlegt. Wieso auch? Die Mauer war schliesslich immer da, hat sich ewig über die Hügel hinter seinem Haus gezogen, scheinbar ohne Anfang und ohne Ende. Vor langer Zeit waren hier Soldaten stationiert, das weiss Herr Wu. Die standen auf der Mauer und starrten Richtung Norden. Da lauerten die mongolischen Reiterheere, die das chinesische Kaiserreich während Jahrhunderten bedrohten.

Die Mauer war ein Schutzwall, der diese Fremden fernhalten sollte. Heute tut sie das Gegenteil: Sie zieht Fremde an. Fremde wie uns, die diesen Gewaltsbau in seiner Endlosigkeit erleben wollen. Gut, endlos mag ein bisschen übertrieben sein. Aber immerhin: Mit ihren gut 20000 Kilometer Länge ist die Chinesische Mauer das mit Abstand grösste Bauwerk der Menschheitsgeschichte.

Herr Wu (88) ist seit 20 Jahren Mauerwächter.

Herr Wu findet es gut, dass die Mauer jetzt die Fremden anlockt. Schliesslich verdient er als Mauerwächter sein Geld mit den Wanderern, die hier am Übergangspass zwischen der Jiankou-Mauer und der Huanghuacheng-Mauer vorbeikommen. Herr Wu kassiert die Wandergebühren, die jeder Mauertrekker entrichten muss. Und natürlich möchte er auch möglichst viele der kleinen Mao-Bibeln und vergilbten Postkarten verkaufen, die neben ihm auf den Mauerzinnen liegen.

Früher, als er noch besser sehen konnte, hat Herr Wu in den Kastanienwäldern im Schatten der Mauer gearbeitet. 20 Jahre sei das her. Seither steht der 87-Jährige auf dem einsamen Mauerpass und wartet auf Wanderer. Sagen tut er nicht viel, und wenn, dann so leise, dass man ganz genau hinhören muss, um den Greis mit dem verwaschenen Mao-Käppchen und dem viel zu grossen Hemd zu verstehen.

Der Wall verwildert

Die Verschnaufpause, die uns die Begegnung mit Herr Wu beschert, kam gerade recht. Denn der bevorstehende Aufstieg auf die Huanghuacheng-Mauer ist steil und wild. Seit vier Tagen wandern wir nun schon auf der Chinesischen Mauer, weit ab von jenen top restaurierten Mauerabschnitten nahe der Hauptstadt Peking, zu denen jeden Tag Tausende Grossstadtmenschen mit Selfie-Sticks und Turnschuhen reisen, um sich mit Gondelbahnen auf die Mauer fahren zu lassen und ein paar Erinnerungsbilder zu schiessen. Die Mauerabschnitte, die wir uns für unsere Trekkingreise vorgenommen haben, sind einsam, wild, oft kaum restauriert und von den Touristenströmen verschont. Zehn Tage lang begegnen wir keinem einzigen anderen Wanderer.

Lange war die Mauer aber alles andere als menschenleer. Zu Zeiten der Ming-Kaiser, die China zwischen dem 14. und dem 17. Jahrhundert regiert hatten und den Mauerbau wie keine andere Dynastie vorantrieben, marschierten hier bewaffnete Bataillone auf und ab. Entlang der Mauer entstanden Dörfer und kleine Städte, welche die Soldaten mit Nahrung versorgten und vom blühenden Handel im Schatten der Mauer profitierten. Die sogenannte Ming-Mauer stellte die nördliche Grenze des chinesischen Grossreiches dar, verlor nach dem Einmarsch der Mandschuren 1644 aber ihre Bedeutung und verwilderte zusehends.

Das bekommen wir heute zu spüren. Die Huanghuacheng-Mauer ist überwuchert mit allerlei Gestrüpp, der Trampelpfad ist uneben und schmal. Wir ducken uns unter Ästen durch und drücken mit den Wanderstöcken dornige Büsche weg.

Doch trotz den Büschen und den unebenen Passagen: Die Mauer ist mindestens punkto Aussicht einer der spektakulärsten Wanderwege der Welt. Damit die Soldaten zu Zeiten der Ming-Kaiser stets den Überblick behalten konnten, wurde sie konsequent den Hügelkämmen entlang gebaut, also immer an der topografisch höchsten Stelle der Landschaft. Für uns Mauer-Wanderer heisst das: fantastische Ausblicke auf alle Seiten hin. Und: gelegentlich kühle Windstösse, die über die Kreten kriechen und uns im warmen chinesischen Frühling mehr als willkommen sind.

Für die Chinesen ist die Mauer aber weit mehr als nur ein Bauwerk. Sie ist steingewordene Symbolik, sagenumwobene Brutalarchitektur. Beim Anblick des Mauerabschnitts bei Jinshanling sieht unser Guide zum Beispiel sofort einen schlafenden Drachen. Gestern, als wir die Wohushan Mauer erklommen haben und vom Dach des halb zerfallenen Wachturms aus zusahen, wie die Sonne hinter tausend mattblauen Hügeln versank, sagte er: «Die Mauer hier erinnert mich an einen kauernden Tiger.»

Der Moloch am Horizont

Drachen, Tiger…und natürlich Schlangen! Auch auf sie treffen wir, im architektonischen Sinne, auf unserer Trekking-Tour im abgelegenen Jiankou-Tal. Unser Guide erkennt in der Jiankou-Mauer eine weisse Schlange, die sich durch die felsige Landschaft frisst. Auf dem Rücken dieser weissen Schlange kraxeln wir hoch zum «Neun-Augen-Turm», einem der grössten erhaltenen Wachtürme der Chinesischen Mauer, fast so gross wie eine durchschnittliche Schweizer Burg. Auf alle vier Seiten hin hat er neun Fenster. Wer an einem klaren Tag durch eines der Südfenster schaut, kann in weiter Ferne die Skyline von Peking erkennen; jene Stadt, in der die Ming-Kaiser ihren Regierungssitz hatten; jene Stadt, zu deren Schutz dieser Wahnsinnsbau von Hunderttausenden Soldaten, Bauern und Kriegsgefangenen errichtet wurde.

In Peking, der 25-Millionen-Metropole, hatten wir unsere Reise gestartet. Eine andere Welt, eine laute Welt voller Wolkenkratzer und Kaisertempel, voller emsiger Gassen und Industriebrachen, voller Düfte und riesiger Menschenmassen, voller hupender Verkehrsstaus und stickiger Luft. Kurz: ein keuchender Monsterdrache von einer Stadt. Vom Ausguckfenster des Neun-Augen-Turms herab sieht er trotzdem ganz friedlich aus, der Moloch in der dunstigen Ferne. Fast so, als hätte er Angst, mit zu viel Krach und Gefauche die noch viel riesigeren Drachen und Tiger und Schlangen aufzuwecken, die sich im Norden wild, wuchtig und wunderschön durch das Riesenreich ziehen.

Zuerst erschienen in der „Schweiz am Wochenende“ am 25. März 2017

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