Geschichte, Reportage, Schweiz

Matte aller Möglichkeiten

Am 1. August rückt die Rütliwiese wieder in den nationalen Fokus. Ihre Bedeutung für die Schweiz wird unterschätzt

Wolkendecke statt Morgenrot, bissiger Wind statt Strahlenmeer. Das Rütli hat an diesem Julimorgen kurz nach sieben Uhr nicht viel von jener symbolischen Ausstrahlungskraft, die ihm die Urner Touristiker auf ihrer Website andichten. Neben der frisch gemähten Rütliwiese grasen ein paar schottische Hochlandrinder. Am Himmel kreist ein lärmiger Helikopter. Und dann fängt es auch noch an zu nieseln. Fast so wie beim berühmten Rütlirapport am 25. Juli 1940, als Henri Guisan hier seine Offiziere auf die Réduit-Strategie eingeschworen hat. Im Nachhinein erzählte man sich, der General habe seinen flammenden Appell bei strahlendem Sonnenschein vorgetragen, obwohl es auf dem Rütli auch an jenem Tag nachweislich regnete.

Die Anekdote zeigt, dass das Rütli – was Legenden anbelangt – der fruchtbarste Boden ist im ganzen Land. Nicht nur was Guisans Rede angeht, sondern auch was die historische Bedeutung der Wiese betrifft. Das Label «Geburtsstätte der Schweiz» klebt hartnäckig an ihr. Doch so eingängig der Slogan klingt, so falsch ist er. Das Rütli hat wenig bis nichts mit der Geburt der Schweiz zu tun.

Bürgerkrieg und Rütli-Geschenk

Warum also der Hype? Wer nach der Bedeutung des Rütli fragt, dem sei zuerst einmal versichert, dass der damalige SVP-Präsident und heutige Bundesrat Ueli Maurer falsch lag, als er 2007 behauptete, das Rütli sei «nur eine Wiese mit Kuhdreck». Das Rütli ist weit mehr als das, aber eben auch weit weniger als eine «Geburtsstätte». Es ist, nüchtern betrachtet, eine 62‘000 Quadratmeter grosse Wiese am Urnersee, die dem Schweizervolk gehört und mit einem strengen Campingverbot belegt ist. Gestört wird die arkadische Idylle einzig durch die 70‘000 Besucher, die jährlich über die Matte trampen.

Schottische Hochlandrinder: die einzigen, die hier dauerhaft geduldet sind. Alle anderen müssen das Rütli über Nacht verlassen.

Dass die Wiese noch immer gänzlich frei von monumentalen Denkmälern ist, haben wir der «Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft» (SGG) zu verdanken. Als 1859 das Gerücht umging, auf dem Rütli sei eine Hotelanlage geplant, kaufte die SGG das Land auf und verschenkte es im Jahr darauf an die Eidgenossenschaft. Ein heilender Akt kurz nach dem Ende des Bürgerkriegs, in dem sich die konservativen Innerschweizer Sonderbundskantone und die mehrheitlich reformierte Eidgenossenschaft zwölf Jahre zuvor die Köpfe blutig geschlagen hatten. Das Geschenk, das die SGG der Schweiz mit dem Rütli machte, gab dem jungen Bundesstaat kurz nach seiner Geburt zum ersten Mal einen manifesten Nabel.

Viele, die die vermeintliche eidgenössische Geburtsstätte zum ersten Mal besuchen, erschrecken ob der schieren Schlichtheit des Ortes. So viel Geschichte an einem so einfachen Flecken Erde? Der Zweifel ist berechtigt, die Frage trifft ins Schwarze. Denn viel Geschichte ist da tatsächlich nicht. Die Behauptung, dass hier am 1. August 1291 Vertreter aus Uri, Schwyz und Unterwalden zur Verschwörung gegen die Landvögte zusammenkamen und das im sogenannten Bundesbrief festgehaltene Gelöbnis ablegten, ist jedenfalls mit Sicherheit falsch.

Nichts da mit 1291

Die Erzählung, dass sich die drei Ur-Verschwörer ausgerechnet auf dem Rütli getroffen hätten, taucht erstmals im «Weissen Buch von Sarnen» auf. Der Obwaldner Landschreiber Hans Schriber hielt darin 1474 fest, es habe ein Treffen auf dem «Rudli» gegeben. Wirklich spezifisch ist das allerdings nicht. Schriber hätte praktisch jede rodbare Kleinfläche in der heutigen Zentralschweiz gemeint haben können.

«Drum, Rütli, sei freundlich gegrüsst;
dein Name wird nimmer vergehn,
so lange der Rhein uns noch fliesset,
so lange die Alpen bestehn.»
Schlussstrophe des Rütlilied von 1820

Knapp hundert Jahre später las der Historiker Aegidius Tschudi den Eintrag und behauptete, der Schwur auf dem «Rüdlin» habe 1307 stattgefunden. Danach war es lange relativ ruhig um die Wiese. Erst im 18. Jahrhundert geriet das Rütli wieder in den Fokus, als man dank dem wiederentdeckten Bundesbrief glaubte, das wahre Datum des Rütlischwurs – nämlich 1291 – endlich zu kennen. Es ist also keinesfalls so, dass der vermeintliche Treffpunkt der Verschwörer auf dem Rütli und der vermeintliche Zeitpunkt des Geschehens im Jahr 1291 seit je in einem einzigen Erzählstrang zusammengefasst gewesen wären. Die Geschichte scheint im Gegenteil ziemlich wirr zusammengeschustert. Die breite Bevölkerung hatte erst nach 1800 wirklich Kenntnis von der Erzählung, schreibt der Zürcher Historiker Roger Sablonier.

Das «Rütlilied» von 1820, in dem die beiden Studenten Franz Joseph Greith und Johann Georg Krauer das «stille Gelände am See» mit viel dichterischem Pathos abfeiern, sieht Sablonier als Zeugen der aufkeimenden Erinnerungskultur, die zu jener Zeit rund um das Rütli entstand.

Propaganda-Verbot auf der Wiese

Teil dieser Erinnerungskultur war auch Schillers Drama «Wilhelm Tell», das 1804 in Weimar uraufgeführt wurde. Mit Wilhelm Tell stellte Schiller den drei Ur-Verschwörern einen weiteren Helden an die Seite, der an den Gestaden des Urnersees für Recht und Ordnung einstand und der Gegend rund um das Rütli einen freiheitlich-kämpferischen Geist einhauchte. Bis Tell ins kollektive Bewusstsein der Schweizer Bevölkerung trat, dauerte es allerdings Jahrzehnte, schreibt der Basler Historiker Georg Kreis. Zentral für die populäre Bedeutung des Rütli sei vielmehr die Schenkung der Wiese an die Eidgenossenschaft im Jahr 1860 gewesen.

Stilles Gelände am See und herausfordernde Lücke im schweizerischen Selbstverständnis.

Das Rütli wurde mehr und mehr zu einer nationalen Bühne, die den dort bekundeten Ideen Beachtung verlieh. Statt wie heute auf Twitter oder in der «Arena» legte man seine Standpunkte damals auf dem Rütli dar und gab damit seiner Message einen erhabenen Anstrich. Eine geradezu «kultische Verehrung» sei dem Rütli anlässlich der 650-Jahr-Feier der Eidgenossenschaft im August 1941 zuteilgeworden, schreibt Kreis. Trotz Guisans moralisierendem Rütlirapport im Jahr davor dominierten nationale Existenzängste das Firmament über dem kriegsgeplagten Europa. Und die Schweiz suchte mentale Zuflucht auf dem Rütli, dem Hort der Unabhängigkeit.

Nach dem Weltkrieg wurden die auf der «heiligen Wiese» vorgetragenen Ideen immer konkreter und wichen häufig von der reinen Unabhängigkeits- und Neutralitätsbekundung ab. 1945 polterte Nationalrat Josef Schuler mit Verweis auf die ausschliesslich männliche Präsenz «damals auf dem Rütli» gegen die Einführung des Frauenstimmrechts. 1968 hissten jurassische Separatisten die Fahne des späteren Kantons Jura, 2005 statuierten Rechtsradikale ein pfeifendes Exempel an Bundespräsident Samuel Schmid, und 2010 zeigte ein Teilnehmer einer Veranstaltung der Partei National Orientierter Schweizer auf dem Rütli den Hitlergruss. 2014 schliesslich verbot die SGG als Verwalterin politische Propaganda auf dem Rütli. Die Wiese solle die Schweiz schliesslich einen, nicht spalten.

Kommet und überdenket

Was bleibt vom Rütli, wenn nicht nur die Anekdote der hier versammelten Verschwörer von 1291 nicht stimmt, sondern wenn man nicht einmal mehr konkrete politische Forderungen auf der Wiese vortragen darf?

Folgt man der Argumentation von Historiker Sablonier, lautet die Antwort: ziemlich viel. Das Rütli als Erinnerungsort funktioniere auch ohne konkrete historische Bezüge, schreibt Sablonier. Die Wiese sei in der Schweizer Ideen- geschichte ein Aufhänger für alles Mögliche. Vaterlandliebende, Freiheitsbedürftige, Solidarität Einfordernde, sie alle berufen sich auf den Rütligeist. Und der weht nach wie vor. Das Rütli ist immer noch ein Ort politischer Visionen – auch nach dem historischen Tod der Ursprungs-These.

Unten am See legt das erste Schiff des Tages an. Drei Touristen kommen durch den Regen hochgehastet. Die nasse Wiese schimmert grün, das Schiff legt ab und hupt einen Gruss zur Matte hoch. «Drum, Rütli, sei freundlich gegrüsst; dein Name wird nimmer vergehn, so lange der Rhein uns noch fliesset, so lange die Alpen bestehn», heisst es in der Schlussstrophe des Rütlilieds.

Kitschig? Klar. Doch wenn der Wunsch nach Kontinuität, der aus den Zeilen spricht, auch den Wunsch nach kontinuierlichem Wandel der Ideen und fortwährendem Überdenken der alten Ideale einschliesst, dann hat die Strophe nichts von ihrer Gültigkeit verloren. Dann erlebt die an sich bedeutungsleere Weide am Urnersee vielleicht bald eine neue Blüte als Ausflugsziel. Schön ist sie zweifelsohne. Und auch lernen kann man von ihr eine ganze Menge.

Zuerst erschienen in der „Schweiz am Wochenende“ am 29. Juli 2017

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